Skip to main content
 
Katja Kühlmeyer

Psychotherapie in Instituten – ein Beruf mit Perspektiven!?

01. Oktober 2007

3. Landespsychotherapeutentag Baden-Württemberg am 30. Juni 2007

 

Der 3. Landespsychotherapeutentag war mit über 200 TeilnehmerInnen gut besucht. Gewidmet war er den angestellten Psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen. Die KollegInnen wurden von Dietrich Munz begrüßt, Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, seit kurzem Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer und selbst angestellter Psychotherapeut. Er wies darauf hin, dass angestellte PsychotherapeutInnen im tarifrechtlichen Bereich bisher keine spezielle Anerkennung gefunden hätten und auch in vielen politischen Gremien nur selten oder oft gar nicht vertreten seien. Im Landeskrankenhausgesetz Baden-Württemberg finde die Berufsgruppe bisher keine Erwähnung. Nichtsdestotrotz biete der Beruf interessante und befriedigende Perspektiven durch die Zusammenarbeit in institutionellen und multiprofessionellen Teams.

Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und Präsident der Landspsychotherapeutenkammer Hamburg, stellte in seinem Vortrag die gegenwärtige Psychotherapie in Institutionen vor. Psychotherapie finde nicht nur in Krankenhäusern statt, auch in Beratungsstellen und im Maßregelvollzug seien Psychotherapeuten tätig. Einen großen Teil der Versorgung würden mittlerweile Ausbildungsambulanzen übernehmen. Gegenwärtig seien es 8 000 PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiA), die jeweils 600 eigene Behandlungsstunden ableisteten.

Durch die immer kürzere Verweildauer der PatientInnen in somatischen Kliniken werde die Psychotherapie dort zurückgedrängt. In Rehabilitationseinrichtungen habe sie hingegen weiterhin ihren festen Platz. In Zukunft wolle der Gesetzgeber die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung weitgehend aufheben. Bedarfsorientierte Psychotherapie finde über die Sektorgrenzen hinweg kostenträgerübergreifend in multiprofessionellen Teams und multidisziplinär statt. Nur wenn PsychotherapeutInnen Behandlungsleitlinien mit entwickelten, könnten daraus Stellen geschaffen bzw. gehalten werden.

Der anschließende Vortrag von Michael Krenz (Präsident der Psychotherapeutenkammer Berlin) und Gerhard Nothacker (Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen) befasste sich mit Psychotherapeutischer Expertise außerhalb der Kassenzulassung. Die Landespsychotherapeutenkammer Berlin hat hierzu ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Es befasst sich mit Interventionen, die nicht als „mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert“ beschrieben sind.

Psychotherapie außerhalb der Heilkunde, ein Widerspruch in sich? Einerseits gebe es eine Psychotherapie unterhalb der Krankheitsschwelle, die nicht dem Psychotherapeutengesetz unterworfen sei, obwohl sie grundsätzlich nur vom Psychotherapeuten ausgeübt werden dürfe. Andererseits gebe es Interventionen – psychologische Tätigkeiten – die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte zum Gegenstand hätten. Weitere Beispiele seien Maßnahmen zur beruflichen und schulischen Förderung, Erziehungs-, Ehe-, Lebens- und Sexualberatung , oder etwa Maßnahmen, die auf Verhaltensweisen gerichtet seien, die als psychosoziale Störung in Erscheinung treten, aber nicht Ausdruck einer psychischen Erkrankung seien. Solche Leistungen würden bereits heute von der Sozial- und Jugendhilfe getragen. Dieser Entwicklungsstand könne in Zukunft auch in anderen sozialrechtlichen Leistungsbereichen angestrebt werden. Denkbar wären Angebote für pflegebedürftige alte Menschen, für psychisch Kranke in der Nachsorge, die Integration schwer vermittelbarer und die soziale Rehabilitation von Verbrechensopfern. Herr Nothacker bat die anwesenden KollegInnen Beispiele aus der Praxis an seine Adresse zu richten, um sein Gutachten weiter auszubauen.

Beinahe nahtlos schloss sich der Beitrag von Thomas Merz und Klaus Menne an. Menne, Geschäftsführer der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), stellte ein Feld vor, in dem approbierte Psychotherapeuten häufig tätig seien, ohne dass der Bereich eine Approbation voraussetze. Das liege zum einen daran, dass in Erziehungsberatungsstellen Psychotherapieverfahren eingebracht würden, die bisher nicht zur Approbation führten, wie Familientherapie, systemische Therapie, Gesprächspsychotherapie oder Gestalttherapie. Zum anderen würden Verfahren angewandt werden, die jenseits der Heilbehandlung anzusiedeln sind, wie Supervision, Mediation oder Beratung.

Nach der Mittagspause konnte Gerd Dielmann, Fachgruppenleiter Gesundheitsberufe bei der Ver.di Bundesverwaltung, mit einem spannenden Vortrag zum Stand der Tarifverhandlungen aufwarten. Er konstatierte ein Nachlassen der Tarifbindung auf Arbeitgeberseite. Der BAT verliere mehr und mehr seine Leitfunktion. Der TVÖD, der ihn zwischenzeitlich abgelöst habe, berücksichtige in seiner Eingruppierungstabelle nicht mehr die Lebensalterstufen sondern die Erfahrungsstufen, die sich auf die Erfahrungsjahre in dem Beruf beziehen würden. Leider sei es bisher nicht möglich gewesen, die „Mitnahme von Berufserfahrung“ von dem einen zum anderen Arbeitgeber festzuschreiben.

Im Anschluss an die Vorträge haben sich Vorstand und Experten zum Gespräch mit ein paar wenigen PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PiAs) zusammengefunden, um die aktuelle berufspolitische Situation der PiAs zu beleuchten. Es wurde sehr offen und fair miteinander umgegangen, so dass alle Beteiligten den Eindruck eines fruchtbaren Austausches gewinnen konnten.

Alles in allem war es ein abwechslungsreicher Vortragstag, der den in der Kammer bisher „unscheinbaren Angestellten“ und ihren spezifischen Arbeitsbedingungen gewidmet war.

Noch ein Hinweis: Wenn Sie Bereiche kennen, in denen psychosozialer Leistungsbedarf besteht, aber die Sozialleistungsträger diesen nicht sehen bzw. ihn mangels nicht erkannter Gesetzesgrundlagen ablehnen, dann richten Sie Ihre Einsendungen bitte an Prof. Gerhard Nothacker, Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen, Friedrich-Ebert-Str. 4, 14467 Potsdam oder Nothacker@fh-potsdam.de