Psychotherapy meets Neuroscience - Bericht über den 42. Kongress der „European Association for Behavioral and Cognitve Therapies“ (EABCT) vom 29. August bis 1. September 2012 in Genf
Psychotherapy meets Neuroscience
Bericht über den 42. Kongress der „European Association for Behavioral and Cognitve Therapies“ (EABCT) vom 29. August bis 1. September 2012 in Genf
Der 42. EABCT-Kongress stand unter dem Motto „Psychotherapy and Neuroscience: Evidence and Challenges for CBT“ und fand in Genf statt. Die Tagung war wie in den vergangenen Jahren sowohl hochkarätig besetzt als auch (mit mehr als 1200 BesucherInnen) gut besucht. Veranstaltungen wurden in Englisch, Deutsch und Französisch angeboten. Das „Centre International de Conferénce Genève“, in dem der Kongress stattfand, liegt in unmittelbarer Nähe zahlreicher UN-Gebäude und bot so eine gute Atmosphäre für die internationalen Bemühungen der EABCT.
Den Eröffnungsvortrag hielt Zindel Segal aus Toronto: Unter dem Motto „A promising union“ lotete er Möglichkeiten der gegenseitigen Befruchtung von Psychotherapie und Neurowissenschaften aus. Allzu einfach gestrickten Erklärungsmustern (etwa dass mit bestimmten neuronalen Aktivierungsmustern, die mittels funktioneller Kernspintomografie sichtbar gemacht werden können, bereits eine Erklärung psychischer Phänomene vorliege) erteilte er jedoch eine klare Absage. Gerade in einer Zeit, in der auch in der deutschen akademischen Psychologie das durchaus nicht unproblematische Verhältnis von allgemeiner Psychologie und Biopsychologie kontrovers diskutiert wird, zeigte sich seine Analyse auf hohem Niveau.
Aus dem umfangreichen wissenschaftlichen Programm können nur einzelne Highlights erwähnt werden: Das breite Workshop-Angebot reichte von störungsbezogenen Interventionen (z. B. Ann Hackman zum Umgang mit intrusiven Erinnerungen bei posttraumatischer Belastungsstörung oder Frank Ryan zur Anwendung kognitiver VT im Suchtbereich) bis zu allgemeineren Angeboten, etwa von Mick Powers zur „Emotion-focused cognitive therapy“ oder Paul Gilbert zur „Compassion-focused therapy“.
Die Vorträge (Keynote lectures) beschäftigten sich mit einer breiten Palette relevanter und aktueller Themen: Während Jon Kabat-Zinn den aktuellen Stand achtsamkeitsbasierter Ansätze vorstellte, setzte sich Franz Caspar unter dem Titel „Psychotherapy research methods: Ingenious tools or obstacles to a practice relevant development of psychotherapy?“ mit der Frage auseinander, wie ein konstruktiver Austausch zwischen Psychotherapieforschung und -praxis etabliert werden kann. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass es hierbei nicht um eine (einbahnstraßenartige) „Dissemination“ wissenschaftlicher Ergebnisse gehen kann, sondern um einen Austausch in beide Richtungen.
Ein Höhepunkt des Kongresses waren die zahlreichen „Meet the Expert“-Sessions: Im Gegensatz zu den Keynotes lectures bieten diese eine interaktivere Plattform, auf der ExpertInnen und KongressbesucherInnen in Kontakt kommen können. Die dadurch eröffnete Möglichkeit, auch direkt aus laufenden Therapien stammende relevante Fragen stellen zu können, macht die Inhalte deutlich greifbarer. Erwähnenswert ist in diesem Format erneut Zindel Segal, der unter dem Titel „Modification of MBCT for different populations“ aufzeigte, wie verantwortungsvolle Veränderungen eines empirisch gut abgesicherten Programms für die Arbeit mit PatientInnen unterschiedlicher Bereiche erfolgen kann.
Die wissenschaftlichen Symposien boten breiten Raum für die Vorstellung und Diskussion zahlreicher empirischer Ergebnisse: dabei zeigte sich, dass die Auseinandersetzung mit einzelnen Themen in Arbeitsgruppen mit unterschiedlichster Zusammensetzung teilweise seit Jahren stattfindet und dass sich regelrechte Traditionen etablieren, bei denen sich neue Forschungsideen ergeben, die dann in weiteren Jahren umgesetzt und erneut diskutiert werden. Im diesjährigen Kongress wurde eine neue Präsentationsform eingeführt: im Rahmen der „Breakfast with…“-Sessions ergab sich analog der „Meet the Expert“-Sessions erneut die Möglichkeit, Experten in einer zwangloseren Atmosphäre näher kennenzulernen (in diesem Fall Mark Williams und Paul Gilbert). Abgerundet wurde das Programm durch eine Vielzahl von Paper-Sessions und Poster-Präsentationen.
Die einzige ernstzunehmende Kritik kann im Rückblick am kalten und nassen Wetter geübt werden - was aber auf der anderen Seite die Motivation erhöhte, die spannenden Kongress-Veranstaltungen zu besuchen (anstatt am Genfer See spazieren zu gehen …).
Zu ergänzen ist der aktuelle Stand der „Common Language in Psychotherapy“ – wie häufiger an dieser Stelle berichtet, handelt es sich dabei um den seit mehreren Jahren andauernden Versuch, mehr Klarheit in zentrale Begriffe der Psychotherapie zu bringen. Zwischenzeitlich ist die Zahl an behandelten Begriffen auf über 100 angestiegen (siehe www.commonlanguagepsychotherapy.org/). Erwähnenswert ist zudem, dass die EABCT durch die Aufnahme der Ukraine und Montenegro (als Vollmitglieder) und Kanada und Marokko (als assoziierte Mitglieder) auf mittlerweile über 50 Mitgliedsorganisationen angewachsen ist).
„Nach dem Kongress ist vor dem Kongress“ ist ein Motto, das die Aktivitäten der EABCT gut beschreibt: Im kommenden Jahr wird der (alle drei Jahre stattfindende) Weltkongress für Verhaltenstherapie vom 22. bis 25. Juli 2013 in Lima in Peru (und damit erstmals in Südamerika) stattfinden. Der 43. EABCT-Kongress wird vom 25. bis 28. September in Marrakech stattfinden (siehe die ausführliche Ankündigung in diesem Heft).
Die weiteren Termine stehen ebenfalls bereits fest:
EABCT-Kongress unter dem Titel „Bridging the Gap between science and practice“ vom 10. bis 13. September 2014 in Den Haag. Abstracts zu diesem Kongress können zwischen dem 1. September 2013 und dem 1. April 2014 eingereicht werden.
EABCT-Kongress in Jerusalem vom 31. August bis 4. September 2015
EABCT-Kongress 2016 in Stockholm
Verhaltenstherapie-Weltkongress 2016 in Sydney:Sobald konkretere Informationen vorliegen, werden wir darüber berichten.
In Absprache mit den anderen deutschen Verbänden setzt sich die DGVT im Moment federführend dafür ein, dass der Verhaltenstherapie-Weltkongress 2019 in Berlin stattfinden kann. Wie immer werden wir Sie hier über alles auf dem Laufenden halten, was die internationalen Verhaltenstherapie-Kongresse der kommenden Jahre angeht.
Thomas Heidenreich und Andreas Veith
Europa-Delegierte der DGVT