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VPP 3/2016

Statuskonferenz „Flucht und Gesundheit – Integration durch Kompetenzentwicklung" der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) e.V.

25. Juli 2016
 

Die Konferenz fand am 22.6.2016 in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf statt. Für die DGVT e. V. nahm Theresa Steinhäuser, ehemalige Ausbildungsteilnehmerin am DGVT-Ausbildungszentrum Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin, teil. 

Welche Kompetenzen brauchen MulitplikatorInnen und Organisationen im Handlungsfeld „Prävention und Gesundheitsförderung“, um Geflüchtete zu erreichen? Welche Kompetenzen benötigen Geflüchtete, um von Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention profitieren zu können? Was brauchen die Beteiligten für den Umgang miteinander? Diese Fragen diskutierten rund 60 TeilnehmerInnen im Rahmen der Statuskonferenz „Flucht und Gesundheit – Integration durch Kompetenzentwicklung".

Den Auftakt zur Konferenz bildeten die Grußworte von Dr. Ute Teichert, Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, und Helga Kühn-Mengel, MdB, Präsidentin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG). 

Unter dem Titel „Stärken und Schwächen von Public Health-Strukturen in Deutschland im Kontext der Versorgung von Geflüchteten“ führte Prof. Dr. A. Gerhardus (Universität Bremen) in die derzeitige gesundheitsbezogene Versorgungssituation für Geflüchtete in Deutschland ein. Aktuellen Daten des Jahresberichts der UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) zufolge erreichte die Zahl der von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen ein bedauerliches Rekordniveau: der drastische Anstieg im Jahr 2015 brachte die Gesamtzahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen und Asylsuchenden weltweit auf rund 65 Millionen - so viele wie nie zuvor. Der massive Anstieg wurde vor allem durch den Krieg in Syrien verursacht. Aber auch andere Länder sind betroffen: Allein in den letzten fünf Jahren sind mindestens 15 neue Konflikte ausgebrochen oder wieder entflammt. Darunter Syrien, Irak, Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Burundi, Jemen, Ukraine und Myanmar. Das Land, welches bislang die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, ist die Türkei. Diesen dramatischen Entwicklungen stellte Prof. Gerhardus die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 gegenüber: „Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen“ (Artikel 25) und verdeutlichte damit den drängenden Handlungsbedarf, besonders für den Bereich der Gesundheitsversorgung.

Besonders betonte Prof. Gerhardus die erhöhte Prävalenz für psychische und psychosomatische Erkrankungen. Zwar sei besonders in den vergangenen Monaten die Vielfalt von ehrenamtlichem Engagement beeindruckend gewesen. Ergebnissen des Migration Integration Policy Index (MIPEX) zufolge weise das deutsche Gesundheitssystem jedoch im internationalen Vergleich große Mängel (vor allem in Bezug auf den Zugang zur Versorgung, Erreichbarkeit von Dolmetscherservices etc.) auf. Besonders für Asylsuchende mit psychischen Problemen sei das Ausmaß der Sicherstellung einer angemessenen Versorgung derzeit nicht ausreichend gewährleistet. Es sei „fast schon ein Skandal, was da nicht passiere.“ Des Weiteren bestünden strukturelle Schwächen bei der Kommunikation/ Sprachmittlung und der Berücksichtigung der spezifischen Kultur der Geflüchteten. Vor allem aber sei der Zugang zum Gesundheitssystem durch rechtliche Einschränkungen und bürokratische Hürden nach wie vor schwierig und erzeuge Unsicherheiten bei allen Beteiligten. Darüber hinaus wurde die in Deutschland bislang fehlende Gesundheitsberichterstattung kritisiert.

Es folgte ein Beitrag von Ulrike Prell (Hochschule Niederrhein), die sich eingehend mit der Frage nach den notwendigen Kompetenzen von MultiplikatorInnen und Organisationen auseinandersetzte. Sie stellte vorläufige Ergebnisse des Projekts ReKulDH (Resilienzförderndes und kultursensibles Denken und Handeln in der Arbeit mit Flüchtlingen und AsylbewerberInnen) vor. Das Projekt richte sich an haupt- und ehrenamtlich Arbeitende in der Flüchtlingshilfe. In der Pilotphase des Projekts wurde zunächst der Bedarf von HelferInnen ermittelt. Es zeigte sich, dass der Bedarf nach Unterstützung und Fortbildung unter Helfenden immens zu sein scheint. Ziel des Projekts ist die Konzeptionalisierung einer (systemisch orientierten) Fortbildung für Helfersysteme in der Flüchtlingsberatung und -betreuung. Ein Schwerpunkt soll dabei auf der Förderung von Ressourcen der Helfenden liegen.

Im Anschluss daran skizzierte Marcus Wächter-Raquet (Landesvereinigung für Gesundheit, Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.) Herausforderungen der Sprachmittlung im deutschen Gesundheitswesen. Aus rechtlicher Sicht sei eine Fachkraft zwar verpflichtet, den Patienten aufzuklären (§ 630e BGB), wobei das Aufklärungsgespräch verständlich sein müsse (Beweislast beim Behandelnden). Für den Behandler bestehe jedoch keine Pflicht einen Dolmetscher zu bestellen. Auch sei der Einsatz von Laiendolmetschernausrechtlicher Sicht ausreichend (OLG Karlsruhe/1995). Die Kosten für eine sprachkundige Person habe der Patient zu tragen, denn nach wie vor sei eine Dolmetscherleistung keine Leistung der GKV. Mitunter sei eine Finanzierung von Dolmetscherleistungen über Fonds der Kommunen (z.B. Praxis in Bremen, Leverkusen, Marburg) möglich. Krankenhäuser verfügten z.T. über eigene Fonds zur Finanzierung von Dolmetscherleistungen (LVR-Kliniken). Im Rahmen des AsylbLG liege eine Bewilligung von Dolmetscherleistungen im Ermessen der zuständigen Behörde (abhängig von Art und Schwere der Krankheit, Notwendigkeit der Sprachmittlung, Verfügbarkeit von LaiendolmetscherInnen). Zu den unterschiedlichen Modellen der Sprachmittlung zählten ad-hoc Dolmetschende, geschultes bilinguales Personal, Community Interpreting, MedizindolmetscherInnen mit Diplom oder einen anderen staatlich anerkannten Abschluss, Telefon- und Videodolmetschen und internetbasierte Übersetzungshilfen. Nach wie vor ist der Einsatz von Ad-hoc Dolmetschenden (mehrsprachige Personen, die schnell vor Ort verfügbar sind (Personal, Reinigungspersonal, Familienmitglieder) ohne Schulung in Dolmetschtechniken) das am häufigsten angewandte Modell der Sprachmittlung. Im Plenum wurde heftig über das hohe Risiko einer fehlerhaften Sprachmittlung sowie über die Unangemessenheit des Einsatzes von Familienangehörigen oder nicht geschultem (und supervidiertem!) Personal im psychiatrisch-psychotherapeutischen Setting diskutiert. Der Einsatz von geschultem bilingualem Personal bzw. von externen Dolmetschenden ist nur für größere Gesundheitsversorger möglich, da die Einsatzkosten meistens die anfragende Einrichtung trage (Kosten für einen Gemeindedolmetscher beliefen sich auf 20-50 Euro pro Stunde, nebst Anfahrts- und Vermittlungsgebühr). Eine große Barriere, Dolmetscher in Anspruch zu nehmen sei das bislang herrschende Wirrwarr an Bezeichnungen und Ausbildungen im Bereich Übersetzen und Dolmetschen und mangelnde Übersicht über bestehende Angebote. Oft sei unklar, was sich hinter einem Zertifikat für Qualifikationen verbergen. Hier sei Transparenz notwendig. Es wurde empfohlen sich auf den Seiten des Berufsverbandes der Dolmetscher einen Überblick zu verschaffen.

Ute Sadowski (Dipl. Soz., Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V.) stellte in ihrem Beitrag Projektergebnisse aus dem qualitativen Forschungsprojekt „Zugang zur Gesundheitsversorgung und gesundheitlichen Prävention für Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien im Rahmen von integrierten kommunalen Strategien für ein gesundes Aufwachsen“ vor. Zu den Zugangbarrieren zur Gesundheitsversorgung zähle das langwierige und kostenintensive bürokratische Verfahren der Ausgabe von Krankenbehandlungsscheinen durch das Sozialamt, defizitäre Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum, Handlungsunsicherheiten im Bildungssystem in Hinblick auf traumatisierte Kinder/Jugendliche (ErzieherInnen u. LehrerInnen), fehlende Fortbildung/Supervision bei UnterstützerInnen einschließlich Ehrenamtlicher, fehlende Vernetzung der Akteure des Gesundheitssystems, fehlende Aufklärung der Asylsuchenden über das Gesundheitssystem und die möglichen Leistungen (Prävention/Vorsorge etc.) sowie die fehlende interkulturelle Öffnung der Systeme. Auch Antworten auf die Frage danach, wie die genannten Zugangshürden überwunden werden könnten, blieb die Vortragende nicht schuldig. Beispielsweise müsste regional ein Überblick über alle Angebote erstellt werden im Sinne kommunaler Wegweiser für Geflüchtete. Es brauche eine verbindliche und flächendeckende Einführung der elektronischen Gesundheitskarte für alle Bundesländer. Besonders notwendig seien Fortbildungsangebote (Traumatisierung) und Supervision für kommunale Akteurinnen und Akteure (einschließlich Gesundheitssystem) und ehrenamtliche HelferInnen. Ein Transfer von Beispielen guter Praxis (Runde Tische etc.) müsse gefördert werden. Ihr Fazit: Es würden keine neuen Strukturen benötigt, vielmehr gehe es darum, die vorhandenen Strukturen und Institutionen/Akteure zu befähigen.

Anschließend skizzierte Omar Aboelyazeid das an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg entwickelte Ausbildungsprogramm REFUGIUM, welches Geflüchtete zu Gesundheitslotsen ausbilde. Im Ausbildungsprogramm werden Inhalte zu den Bereichen Ernährung, Bewegung, Hygiene, psychische Gesundheit und Gesundheitsversorgung in Deutschland vermittelt – beispielsweise, dass man bei allgemeinen Beschwerden zuerst zum Hausarzt geht und nicht ins nächstgelegene Krankenhaus. Das Programm richte sich an diejenigen, die selbst eine Fluchterfahrung haben und eine einschlägige Vorbildung (Gesundheitsberuf, pädagogischer Beruf) oder relevante Kompetenzen mitbringen. Hauptanliegen des Projektes ist es, Flüchtlinge zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Gesundheitsvorsorge auszubilden. Dafür wurden Flyer und Schulungsmaterial in acht Sprachen entwickelt.

Das Projekt "pro familia: Flüchtlinge im Blick" stellte Stéphanie Berrut, pro familia Bonn, vor. Hierbei handele es sich um ein aufsuchendes Angebot, das vor allem geflüchtete Frauen und Mütter dabei unterstützt, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Das Projekt bietet die Möglichkeit, gynäkologische Untersuchungen und medizinische Beratung zu erhalten, sowie Beratung zu sozialrechtlichen Leistungen und psychologische Beratung rund um das Thema Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Viele Angebote sind präventiv angelegt z.B. Gesundheitsförderung von Kleinkindern. Besonders eindrücklich schilderte sie die z.T. widrigen Lebensbedingungen von Frauen in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Es fehle ihnen vielfach an Alltagsstrukturen. Die Frauen lebten zurückgezogen und isoliert in ihren Zimmern. Sie trauten sich nicht, die Einrichtung zu verlassen oder es werde ihnen untersagt. Es sei schwer, sie mit Präventionsanliegen zu erreichen. Die hygienischen Bedingungen seien mitunter schlecht. Insgesamt sei es notwendig, dass Angebote möglichst niedrigschwellig und aufsuchend gestaltet sind.

Veronika Schreiner, Caritas Region Schwarzwald-Alb-Donau, und Anja Klingelhöfer, Baden Württembergischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation, stellten zum Abschluss der Konferenz ein Schulungsangebot vor, das gemeinsam von der Geschäftsstelle Gesundheitsförderung und Prävention im Gesundheitsamt, der Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention (BLV), der Schwangerschaftsberatung des Caritas Zentrums und dem Verein „Frauen helfen Frauen + Auswege“ in Rottweil erarbeitet wurde. Das Konzept beinhalte die Vermittlung von Basisinformationen zu verschiedenen Themen. Wichtige Inhalte seien Infektionsschutz und Hygiene, Schwangerschaft, Schwangerschaftsverhütung, Alkohol und Drogen, Wahrung der Intimsphäre, häusliche Gewalt, Hilfen bei sexuellen Übergriffen, Gleichstellung von Mann und Frau. Das verwendete Material (Powerpoint-Präsentationen, Bildmaterial, Piktogramme) in den Schulungen sei sprachlich so einfach wie möglich aufbereitet, damit der Einsatz von Dolmetschern bei den Schulungen vermieden werden könne. Man erhoffe sich, wichtige Basisinformationen und eine erste Orientierung über das Lebensumfeld hier zu vermitteln und den Zugang zu den verschiedenen psychosozialen und medizinischen Einrichtungen zu erleichtern. 

In der Abschlussdiskussion wurde noch einmal betont, dass es in Deutschland bereits eine Vielzahl an Initiativen und Projekten gebe, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen, um die gesundheitliche Versorgung von Geflüchteten zu verbessern. Es mangele jedoch an Kenntnis über die bestehenden Angebote sowie an klaren Strukturen und Zuständigkeiten. Das Rad müsse nicht immer wieder neu erfunden werden. Wichtiger seien stärker koordinierende Tätigkeiten, beispielsweise durch den Ausbau eines bundesweiten professionsübergreifenden Netzwerks. Interkulturelle Öffnung gebe es seit 25 Jahren, bislang werde jedoch zu wenig an einem Strang gezogen. Auch sei die Umsetzung verschiedener Gesetze nach wie vor zu sehr von der individuellen Behördenpraxis abhängig (z.B. in Bezug auf die Gesundheitskarte). Hier brauche es klarere und verbindlichere Standards. Prävention und Gesundheitsförderung dürfe gerade im Bereich der Flüchtlingsarbeit nicht, wie oft geschehen, als „Sahnehäubchen“ gehandelt werden. Die Hälfte der geflüchteten Menschen seien Kinder, die von präventiven Maßnahmen vermutlich lebenslang profitieren dürften. Es gehe im Besonderen darum, in durch Hilflosigkeit und Kontrollverlust geprägten Situationen ein Stück eigene Handlungskompetenz und Eigenverantwortung wieder zu erlangen. Auch die Frage der Nachhaltigkeit müsse in Bezug auf präventive Angebote stärker mitgedacht werden. Das Thema interkulturelle Kompetenz müsse daher in Zukunft flächendeckend in die Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsberufen implementiert werden. Es sei darüber hinaus wichtig, nicht nur Angebote an geflüchtete Menschen heranzutragen, sondern diese im Sinne der Partizipation stärker mit einzubinden (Ausbildung von MultiplikatorInnen).

All diese Ansätze seien sinnvoll und notwendig - es sei jedoch unabdingbare Voraussetzung, politische Entscheidungsträger stärker mit einzubinden. Das politische Klima müsse wieder in die für Präventionsanliegen förderliche Richtung gebracht werden. Ohne politische Unterstützung gehe es nicht.

Theresa Steinhäuser, Dipl.-Psych.
Freie Universität Berlin