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Studie zur integrierten Versorgung: Eine gute Zusammenarbeit der Leistungserbringer als zentrales Kriterium für eine hohe Versorgungsqualität

09. Juni 2016

In einer Studie von Ruppert et al. (2016) wurde untersucht, wie die MitarbeiterInnen eines IV-Netzwerks für Menschen mit psychischen Störungen die Kooperation innerhalb und außerhalb ih-res Netzwerks erlebten. Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie hier.

 

Seit der Gesundheitsreform aus dem Jahr 2000 und der Einführung der §§ 140ff. SGB V von 2004 können Krankenkassen direkt Verträge mit Leistungserbringern (LE) abschließen. Die angebotenen Leistungen und die Honorare können nun abweichend von der vertragsärztlichen/vertragspsychotherapeutischen Regelversorgung individuell ausgehandelt werden. Die Idee dahinter ist, dass dies zu mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem führt - zwischen Kassen und auch zwischen Leistungserbringern. Wettbewerb wiederum führt, so eine weitere Annahme, die unserem Wirtschaftssystem inne wohnt, zu einer besseren Versorgungsqualität oder zu sinkenden Ausgaben, im besten Fall zu beidem. Ein wesentliches Ziel der neuen Versorgungsformen ist die Förderung von sektorübergreifender, interdisziplinärer Kooperation zwischen den verschiedenen LE im Gesundheitssystem. In den letzten Jahren haben verschiedene Krankenkassen Modelle zur integrierten Versorgung (IV) oder andere neue Versorgungsmodelle für die Behandlung von psychischen Störungen entwickelt.

In einer qualitativen Studie von Ruppert et al. (2016) wurde untersucht, wie die MitarbeiterInnen eines IV-Netzwerks für psychisch kranke Menschen die Kooperation innerhalb und außerhalb ihres Netzwerks erlebten. Die 39 TeilnehmerInnen hatten verschiedene berufliche Hintergründe (soziale Arbeit, Krankenpflege, Psychologie, (Sonder)Pädagogik, Medizin/Psychiatrie, Ergotherapie) und arbeiteten in 5 verschiedenen Netzwerken des NWpG-Modells der Techniker Krankenkasse. Es wurden teilstandardisierte, leitfadengestützte Fokusgruppen (Gruppeninterviews) mit 6-9 TeilnehmerInnen pro Gruppe durchgeführt. Die Fokusgruppen dauerten ca. 100 Minuten. In den Fokusgruppen wurde sowohl die Zusammenarbeit der MitarbeiterInnen innerhalb des Netzwerks (interne Kooperation) als auch die Kooperation mit LE außerhalb des Netzwerkes (externe Kooperation) diskutiert.

Während die interne Kooperation von den TeilnehmerInnen sehr positiv eingeschätzt wurde, zeigte sich bei der externen Kooperation erheblicher Optimierungsbedarf. Die interne Kooperation wurde hauptsächlich aufgrund der flachen Hierarchien, des Zusammenhalts im Team und der gegenseitigen Wertschätzung sehr positiv wahrgenommen. Die geteilte Verantwortung wurde zudem als Entlastung empfunden. Obwohl diese Arbeitsform eine gute Absprache und eine hohe Flexibilität erfordert, empfanden die TeilnehmerInnen dies als notwendig für eine gute Versorgungsqualität. Die TeilnehmerInnen wünschten sich jedoch mehr Zeit für den kollegialen Austausch. Die externe Kooperation wurde als verbesserungsbedürftig beschrieben. Eine Verbesserung der externen Kooperation würde auch für die Patientenversorgung Verbesserungen bringen. Viele TeilnehmerInnen äußerten den Wunsch nach einem besseren kollegialen Austausch mit niedergelassenen ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen und psychiatrischen Kliniken. Es wurden verschiedene Faktoren genannt, die eine gelingende externe Kooperation verhindern. Dazu gehörten Konkurrenzdenken zwischen den LE, eine fehlende Wertschätzung gegenüber MitarbeiterInnen gemeindepsychiatrischer Einrichtungen, eine schlechte finanzielle Vergütung sowie der von den LE befürchtete bürokratische Mehraufwand durch offizielle Kooperationsvereinbarungen. Außerdem seien LE teilweise ungenügend über die Versorgung im Netzwerk informiert. Für die Informationsweitergabe seien sowohl die Krankenkassen als auch die MitarbeiterInnen im Netzwerk verantwortlich. Jedoch wurde auch von gelingender externer Kooperation berichtet. Dies war dann der Fall, wenn mit der Zeit persönliche Beziehungen entstanden und gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden konnte.

Zusammenfassend erbringt die Studie wertvolle Einblicke in die Kooperationsstrukturen von integrierten und anderen modernen Versorgungsformen, die speziell im psychotherapeutischen Bereich von zunehmender Bedeutung sind. Da Koordination und Kontinuität von wesentlicher Bedeutung für eine gute Behandlung sind, dürften sich daraus auch Ansatzpunkte für Verbesserung der Versorgungsqualität ergeben. Es stellt sich außerdem die Frage, ob es – neben den erwähnten „psychologischen“ Merkmalen (Konkurrenzdenken, Wertschätzung u.a.) - auch Hinweise auf weitergehende strukturelle Merkmale/Hindernisse gibt, die die häufig begrenzte externe Kooperation fördern können bzw. könnten.

Literatur:
Ruppert, D. et al. (2016). „Die Hoffnung stirbt zuletzt…“-sektorenübergreifende Kooperation in der integrierten Versorgung. Eine qualitative Studie. Psychiatrische Praxis. doi:10,1055/s-0041-109470