Suchtspezifische Interventionen in verschiedenen psychosozialen Arbeitsfeldern[1]
Im Hinblick auf die Versorgung alkoholabhängiger Menschen hat Wienberg (1992, 2001) ein Strukturmodell vorgeschlagen, das den Anspruch erhebt, den Gesamtkomplex professioneller psychosozialer sowie medizinisch-psychiatrischer Hilfen
annäherungsweise vollständig zu beschreiben. Das Modell knüpft daran an, dass es sich bei der Alkoholabhängigkeit um ein biopsychosoziales Phänomen handelt. Dies gilt für seine Entstehungsbedingungen, bei denen biologische, psychische und soziale Einflüsse eine nachweisbare Rolle spielen; es gilt ebenso für die Folgen, bei denen sich ebenfalls körperliche, psychische und soziale Aspekte unterscheiden lassen, und es hat schließlich für die Behandlung bzw. für die Form der Hilfen zu gelten, die alle drei Aspekte qualifiziert integrieren muss.
Hilfen für Menschen mit Suchtproblemen
Vor dem Hintergrund eines biopsychosozialen Problemverständnisses lassen sich die gegenwärtig existierenden Hilfen nach ihrem primären Ansatzpunkt typisieren und innerhalb eines Dreiecks anordnen (siehe Abbildung):
(1) Den ersten Eckpunkt markieren diejenigen Hilfen, die ihren Schwerpunkt auf die Person des Abhängigkeitskranken legen, d.h., die auf eine Modifikation von Verhalten, Einstellungen, Affekten und Interaktionen des Kranken abzielen. Es sind im Wesentlichen die Institutionen der „traditionellen Trias“ - Fachberatungsstellen, Fachkliniken und Selbsthilfegruppen -, die diesen Teil des Hilfesystems ausmachen. Die zur Verfügung
stehenden Hilfen haben Angebotscharakter, d.h., die Betroffenen müssen von sich aus aktiv werden. Dies setzt ein Mindestmaß an Leidensdruck, Problembewusstsein und Eigenmotivation zur Veränderung der Situation bereits voraus.
(2) In Richtung auf den zweiten Eckpunkt sind diejenigen Hilfen angeordnet, die stärker auf die soziale Situation des Erkrankten bezogen sind. Die Interventionen zielen primär darauf ab, soziale Folge- und Begleitprobleme der Abhängigkeit zu mildern. Neben den klassischen Diensten der öffentlichen Sozial- und Gesundheitsfürsorge sind hier die Träger der freien Wohlfahrtsverbände mit komplementären Angeboten vertreten. Aber auch die Behandlung in psychiatrischen Versorgungskrankenhäusern kann diesem Bereich zugerechnet werden, denn in der Psychiatrie werden besonders jene Abhängigkeitskranken behandelt, die bereits ausgeprägte soziale Beeinträchtigungen aufweisen und stark von Desintegration bedroht sind (Wienberg et al. 1993). Schließlich sind auch Justizvollzug und Forensik in starkem Umfang mit der Bewältigung der sozialen Folgen von Abhängigkeit befasst. Wir nennen diesen Bereich die psychosoziale/psychiatrische Basisversorgung.
(3) Nach der dritten Ecke sind diejenigen Institutionen angeordnet, die sich in erster Linie des körperlichen Aspektes von Abhängigkeitserkrankungen annehmen. Behandelt werden die Auswirkungen des Substanzmissbrauchs auf den Organismus. Dies sind die akuten oder auch chronischen körperlichen Begleit- und Folgeerkrankungen, die Folgen von Anfällen und Verletzungen sowie schwere Intoxikationen. Behandlungsanlass ist auch hier zumeist nicht die Abhängigkeitserkrankung selbst, sondern die körperlichen Störungen, die damit im Zusammenhang stehen. Dies ist der Bereich der medizinischen Primärversorgung.
Wienberg (2001) hebt besonders hervor, dass zwischen den drei Sektoren relativ wenig Verbindungen bestehen. Es gibt nur in Ausnahmefällen definierte und systematische Vereinbarungen über Zusammenarbeit bzw. Differenzierung des (gemeinsamen) Auftrages. Es besteht also eine Tendenz zur „Versäulung“ des Gesamtsystems. Was die Erreichbarkeit bzw. Reichweite der einzelnen Sektoren anbelangt, so stellt Wienberg fest, dass der größte Teil der Alkoholkranken mit den (eigentlich dazu spezialisierten) Fachdiensten des Sektors I überhaupt nicht oder erst viel zu spät in Kontakt tritt. Darüber hinaus werden diejenigen Menschen mit einem problematischen Konsum, die noch nicht das Stadium der Abhängigkeit erreicht haben, in der Regel viel zu spät oder aber gar nicht erreicht.
Diese unbefriedigende Versorgungssituation gilt für den Bereich des problematischen Alkoholkonsums. Für den Bereich des Drogenkonsums liegen keine vergleichbar guten Daten vor; wir können jedoch aus vielerlei Erfahrungen davon ausgehen, dass die Erreichungsquote im Bereich der „harten“ Droge Heroin deutlich höher ausfällt, insbesondere seit die Substitution in großem Maße eine Behandlungsoption darstellt. Im Bereich des problematischen Konsums von so genannten Partydrogen und vor allem des Cannabis müssen wir allerdings von einer ebenfalls schlechten Erreichungsquote durch professionelle Hilfen ausgehen. Hier handelt es sich häufig um Jugendliche oder junge Erwachsene, die allein schon wegen ihres Alters, oft aber auch wegen der vergleichsweise „harmlosen“ Droge von den Drogenberatungsstellen abgewiesen werden.
Was durch das so genannte Wienberg’sche Dreieck aber auch deutlich wird, ist die vergleichsweise hohe Erreichbarkeit der oben genannten Zielgruppen durch die Einrichtungen der Sektoren II und III. Und hier setzen eine Reihe von Modellprojekten der letzten zehn Jahre an, von denen im Folgenden einige herausragende vorgestellt werden sollen. Es handelt sich um Zugänge in psychosozialen Arbeitsfeldern außerhalb der traditionellen Suchthilfe.
Medizinische Primärversorgung: „Früherkennung und Kurzintervention - FRAMES“
Vorläufer aller einschlägigen Projekte im psychosozialen Arbeitsfeld sind Projekte in der medizinischen Versorgung, dem so genannten Sektor III. Hier wurden erste ermutigende Erfahrungen gesammelt und grundlegende Interventionsstrategien entwickelt. Aufbauend auf Projekten in den USA, Großbritannien und Skandinavien wurden in den 1990er-Jahren in Lübeck und Bielefeld Modellprojekte des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt, die zum Ziel hatten, Menschen, die einen problematischen Alkoholkonsum aufwiesen, frühzeitiger zu erreichen und gezielt auf eine Veränderung von Konsumgewohnheiten hin anzusprechen (John et al. 1996; Kremer et al. 1998). Die Projekte wurden sowohl in Arztpraxen als auch in somatischen Abteilungen von Allgemeinkrankenhäusern durchgeführt. Patientinnen und Patienten wurden ohne Ansehen ihres ursprünglichen Konsultationsgrundes offensiv, aber empathisch zu ihren Konsumgewohnheiten befragt. Bei Bedarf wurde ihnen eine kurze Intervention angeboten. Diese Intervention basierte auf dem Konzept der so genannten FRAMES (Miller und Sanchez 1991):
- Feedback – Rückmeldung geben
- Responsibility – Eigenverantwortung betonen
- Advice – konkreten Rat geben
- Menu of options – nach alternativen Veränderungswegen suchen
- Empathy – empathisch auf die Patientin/den Patienten eingehen
- Selfefficacy – Selbstwirksamkeitsüberzeugung stärken, Ressourcen nutzen
Hier ist nicht der Raum, um diese Projekte im Detail darzustellen, deshalb sei auf eine Übersichtsarbeit von Küfner (2000) verwiesen, der zusammenfassend urteilt:
- Die Wirksamkeit von Kurzinterventionen (KI) und Kurztherapien ist generell sehr gut nachgewiesen.
- KI im Sinne einer minimalen Behandlung bis zu drei oder vier Sitzungen eignen sich gut für Änderungen des Risikokonsums von Alkohol.
Die Studien, die in Deutschland zu KI durchgeführt wurden, zeigten darüber hinaus, dass KI zu einer deutlichen Steigerung der Inanspruchnahme weiterführender Hilfen (z.B. Suchtberatungsstellen) bei Alkoholabhängigen führten. Es konnte nachgewiesen werden, dass KI vor allem bei bisher vom Hilfesystem noch nicht erreichten Patienten zu einer deutlichen Veränderung der Konsumgewohnheiten führten, was den sekundärpräventiven Aspekt der KI-Ansätze im Alkoholbereich unterstreicht.
Die Studien in der medizinischen Primärversorgung hatten somit gezeigt, dass sekundärpräventive Ansätze außerhalb der traditionellen Suchthilfe praktikabel und effektiv sind. Sie legten darüber hinaus einen wesentlichen konzeptionellen Grundstein für alle weiteren – auch die hier berichteten – Projekte.
Jugendhilfe: „Motivierende Kurzintervention bei konsumierenden Jugendlichen - MOVE“
MOVE startete 1999 als Modellprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW). Träger war das „ginko“, die Landeskoordinierungsstelle für Suchtprävention in Mülheim (Ruhr).1 MOVE richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendhilfe (im Folgenden „Kontaktpersonen“ genannt). Sie sollen befähigt werden,
- riskante Konsummuster der von ihnen betreuten Jugendlichen zu erkennen,
- kompetente Gesprächspartner in Suchtfragen zu sein und bei Bedarf
- Angebote der Konsumveränderung zu unterbreiten.
Dazu wurde in einem aufwendigen Prozess ein dreitägiges Fortbildungscurriculum mit folgenden wesentlichen Bausteinen entwickelt:
- Reflexion der eigenen Haltung;
- Motivation und Veränderung (das so genannte transtheoretische Modell nach Prochaska und DiClemente 1982);
- FRAMES und motivierende Gesprächsführung (nach Miller und Rollnick 1991);
- Training und Umsetzung von MOVE im Alltag.
In einem nächsten Schritt wurden alle Präventionsfachkräfte des Landes NRW zu MOVE-Trainerinnen und –Trainer ausgebildet. Diese wiederum bieten seit einigen Jahren in allen Kommunen in NRW, in anderen Bundesländern sowie in Österreich und der Schweiz MOVE-Trainingskurse für Kontaktpersonen an. Von 2003 bis heute wurden ca. 2000 Kontaktpersonen der Jugendhilfe mit dem Konzept MOVE fortgebildet.
Das MOVE-Fortbildungskonzept wurde in einem mehrschrittigen Prozess kontinuierlich verbessert, um die Erfordernisse der Kontaktpersonen optimal zu treffen. Im Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung der Universität Bielefeld (Marzinzik 2004) werden folgende Ergebnisse hervorgehoben:
- Die MOVE-Fortbildung trifft auf einen großen Bedarf bei Kontaktpersonen, wird von ihnen als sehr gut bewertet und lässt sich gut in den Berufsalltag integrieren.
- Jugendliche sind an einem offenen, nicht polarisierenden Dialog interessiert, der sie als Gesprächspartner ernst nimmt und ihre Lebensperspektive thematisiert.
- MOVE erreicht die Zielgruppe der riskant konsumierenden Jugendlichen, trägt zu einer realistischen Risikoeinschätzung bei und motiviert zur Verhaltensänderung.
- MOVE fördert die Kooperation von Jugendhilfe und Suchtprävention.
Justiz: „Frühintervention bei erstauffälligen Jugendlichen – FreD“
FreD ist ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung und zielt auf die Gruppe Jugendlicher bzw. junger Erwachsener, die erstmals im Zusammenhang mit illegalen Drogen polizeilich auffällig werden. Diese jungen Menschen sollen sodann zu einer Problematisierung ihrer Konsumgewohnheiten im Rahmen von regelmäßigen Gruppenabenden gewonnen werden. Die Teilnahme an diesen Gruppenabenden könnte sich positiv auf das schwebende Verfahren auswirken, könnte aber auch beim Einzelnen zu einer verstärkten Auseinandersetzung und letztlich einer Veränderung der Konsumgewohnheiten führen. Träger des Projekts ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe2, die wissenschaftliche Begleitung lag bei der Firma FOGS3 aus Köln. Beteiligt waren in der Modellphase Drogenberaterinnen und -berater sowie Suchtpräventionsfachkräfte aus acht Kommunen in acht verschiedenen Bundesländern. Die Hauptphase des Projekts lag zwischen 2000 und 2003.
Die Leitideen des Projekts lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
- Junge Menschen sollen frühzeitig, d.h. möglichst nahe am Zeitpunkt des Erstkonsums, erreicht werden, um rechtzeitig die suchtpräventiven Ziele (u.a. Risikokompetenz, Abstinenz) umzusetzen.
- Die Interventionen sollten kurz und gezielt ausfallen, da Jugendliche kurze, gezielte Angebote eher akzeptieren und gute Erfahrungen mit der Effektivität kurzer Interventionen vorliegen (s.o.).
- In der Kombination aus Freiwilligkeit (kein junger Mensch brauchte das Angebot annehmen) und der durch die polizeiliche Erstauffälligkeit entstehenden Drucksituation wurde eine gute motivationale Basis gesehen.
Nach einer Schulungs- und Vorbereitungsphase – die Inhalte der Kursabende wurden entwickelt, die Fachkräfte unter anderem in motivierender Gesprächsführung geschult – wurden in den ersten beiden Jahren des Projektlaufs insgesamt 675 junge Menschen angesprochen, 430 nahmen das Kursangebot an, von denen wiederum 83 Prozent an allen vier Gruppenabenden teilnahmen (Görgen und Rometsch 2004). Somit haben 53 Prozent der hier erfassten erstauffälligen jungen Menschen eine Thematisierung und oftmals Problematisierung ihrer Konsumgewohnheiten zugelassen. Daten zur individuellen Konsumveränderung oder zu den jeweiligen Verfahrensverläufen wurden nicht erhoben.
FreD wird mittlerweile in ca. 150 Kommunen in ganz Deutschland angeboten.
Es wurde ein Weg gefunden, junge Menschen vor Eintritt in eine „Suchtkarriere“ mit einem sekundärpräventiven Ansatz zu erreichen. Kurze und gezielte Interventionen waren der Zielgruppe angemessen. Motivierende Geprächsführung erwies sich (wiederum) als ein Ansatz, der geeignet ist, junge Menschen für eine Thematisierung ihrer Konsumgewohnheiten zu gewinnen. Die Idee, sozialen Druck zu nutzen und das Prinzip der reinen Freiwilligkeit aufzugeben, ist mit FreD auch in Fachkreisen akzeptiert. Zur Umsetzung von FreD- oder ähnlichen Ansätzen ist allerdings eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und Drogenhilfe bzw. suchtpräventiven Institutionen unerlässlich.
(Kinder-) Krankenhaus: „Hart am LimiT - HaLT“
HaLT ist ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit und hat die Zielgruppe der stark alkoholintoxikierten Jugendlichen ins Visier genommen. Hintergrund ist eine seit Beginn der 2000er-Jahre beobachtete dramatische Zunahme von Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholintoxikation bei Jugendlichen. Daraufhin wurde in der Villa Schöpflin4 in Lörrach ein Konzept entwickelt, das ähnlich wie die oben berichteten Projekte auf einem offensiven und empathischen Herangehen beruht. Jugendliche, die wegen Alkoholintoxikation in die am Projekt beteiligten Krankenhäuser eingewiesen werden, werden nach Vermittlung durch die Stationsärzte von Fachkräften aufgesucht und zu einer weiteren Thematisierung ihrer Konsumgewohnheiten eingeladen. Die Fachkräfte waren zuvor im Rahmen von Schulungen (u.a. in motivierender Gesprächsführung) auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Ziel des Erstgesprächs „am Krankenbett“ ist die Annahme eines einzel- oder gruppentherapeutischen Angebots im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt, das bei Bedarf durch jugendgerechte Angebote (Tauchen, Klettern) ergänzt werden kann. HaLT bietet außerdem Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und anderen Bezugspersonen Beratungsgespräche zum Umgang mit konsumierenden Jugendlichen an.
Die Hauptlaufzeit des Projekts lag in den Jahren 2002 bis 2004. In dieser Zeit wurden in den an der Pilotphase beteiligten Kommunen zirka 500 Jugendliche erreicht, davon 70 Prozent im Alter von sechzehn Jahren und jünger. Hauptverursacher der Intoxikationen waren hochprozentige Spirituosen. Über die „Effektivität“ des HaLT-Ansatzes im engeren Sinne werden keine Zahlen berichtet; allerdings gilt der Ansatz als sinnvolle und notwendige Ergänzung zum einen des Krankenhausbehandlungsangebotes und zum anderen der Suchtprävention. Aus diesem Grund wurde HaLT vom Bundesministerium für Gesundheit nach der Pilotphase in Lörrach auf zehn weitere Standorte ausgeweitet und befindet sich derzeit in der bundesweiten Transferphase.
Schule: das Projekt „Bekifft in der Schule“
Das Projekt „Bekifft in der Schule“ wurde entwickelt vom Suchtpräventionszentrum der Senatsverwaltung Schule der Stadt Hamburg und in den Jahren 2001 bis 2007 durchgeführt in Kooperation mit verschiedenen Suchtberatungsstellen der Stadt. Hintergrund des Projekts sind alarmierende Zahlen über die Häufigkeit des Cannabiskonsums unter Schülerinnen und Schülern. Ziele des Projekts sind:
- Aufbau von Früherkennungs- und Frühinterventionsstrukturen;
- Aufbau von tragfähigen schulischen Regeln und Interventionen im Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis, Alkohol, Zigaretten und anderen Suchtmitteln;
- Lehrertrainings zur Wahrnehmungsschulung und Gesprächsführung;
- Eltern- und Schülerprojekte.
Zielgruppen sind vor allem konsumerfahrene Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren, junge Erwachsene im Alter von 18 bis 27 Jahren sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den Schulen.
Ablauf: Schulen bekunden gegenüber der Senatsverwaltung ihr Interesse, sich an diesem Projekt zu beteiligen. Im nächsten Schritt konstituiert jede teilnehmende Schule eine Projektgruppe und erhält Informationen sowie Unterstützung durch ein begleitendes Projektteam. In einer Basisveranstaltung erhalten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule Informationen über Konsum und Folgen. In Grundlagentrainings erhalten dann die Lehrerinnen und Lehrer konkretes Handwerkszeug für ein verbessertes Erkennen von problematischen Konsumgewohnheiten sowie für kurze frühzeitige Interventionen (motivierende Gesprächsführung). In einem Aufbautraining können Gesprächsführungskompetenzen (etwa für schwierige Situationen) weiter ausgebaut werden.
In einem vorläufigen Fazit nennt Andrea Rodiek (2006), eine Mitinitiatorin des Projekts, folgende positive Ergebnisse:
- Über 50 Schulen in Hamburg haben teilgenommen.
- Die Kollegien wurden für das Suchtthema sensibilisiert und erlangten Sicherheit im Erkennen von Cannabis-, Alkohol- und anderen Suchtproblematiken.
- Sie erhielten praktisches Handwerkszeug inklusive Informationsmaterialien.
- Es wurden verbindliche Regeln in den teilnehmenden Schulen entwickelt, die zu mehr Transparenz und Klarheit bei notwendigen Entscheidungen führten.
- Dadurch entstand eine höhere Sicherheit im Umgang mit betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie Klarheit an der Grenze von Sanktion und Hilfe.
- Der fachliche Austausch im Kollegium über das Thema Suchtmittelgebrauch an den Schulen wurde initiiert bzw. verbessert.
Wohnungslosenhilfe: das Projekt „WALK“
In den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe werden viele Menschen betreut, die eine Alkoholabhängigkeit aufweisen. Viele dieser Menschen haben kein Interesse, die Einrichtungen der traditionellen Suchtkrankenhilfe zu nutzen, oft auf dem Hintergrund der Tatsache, dass sie in langen Jahren der Abhängigkeit schon alle Therapie- und Beratungsmöglichkeiten ausgeschöpft haben und für sich hier keinen positiven Nutzen erwarten. Es macht somit Sinn, auch dieser vom traditionellen Hilfesystem nicht (mehr) erreichten Zielgruppe „vor Ort“ ein Angebot zu unterbreiten.
Dies hat zum Beispiel der Katholische Männerfürsorgeverein München e.V. getan (König 2005). Seit 2003 werden mit Unterstützung der GK Quest5, Heidelberg, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins kontinuierlich in Fragen der Gesprächsführungskompetenz und der Anwendung eines gruppen- oder einzeltherapeutischen Programms zum kontrollierten Trinken (>AkT<) geschult. Die Schulungen fanden über vier Monate an insgesamt zehn Tagen statt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten in die Lage versetzt werden, die von ihnen betreuten Menschen gezielt auf ihre Alkoholproblematik hin anzusprechen, motivationsfördernd zu intervenieren und sie bei Bedarf in ihren Reduktions- und Abstinenzbemühungen zu unterstützen.
In den ersten zwei Jahren nach Beginn des Programms wurden über 80 Fachkräfte geschult. Die Zufriedenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Inhalten, der Methodik und der Praxistauglichkeit der Schulungen war sehr hoch. In einer kleinen Vergleichsstudie zeigten sich erste positive Effekte des >AkT< in der Wohnungslosenhilfe: Betroffene, denen dieses Programm angeboten worden war, reduzierten ihren Alkoholkonsum deutlich stärker als Betroffene, die weiterhin standardmäßig betreut wurden.
Spätaussiedler: „Sekundäre Suchtprävention für spätausgesiedelte junge Menschen in Münster - SeM“
Hintergrund dieses kürzlich beendeten Projekts ist die Tatsache, dass Spätaussiedler sich grundsätzlich mit dem deutschen Suchthilfesystem sehr schwer tun und hier oft gar nicht oder mit unzureichenden Konzepten erreicht werden. Dies gilt ganz besonders für junge Spätaussiedler. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat deshalb in Kooperation mit der Stadt Münster ein Projekt aufgelegt, das sich zum Ziel gesetzt hat, spätausgesiedelte junge Menschen in Münster, die Alkohol oder „weiche“ illegale Drogen in riskanter Art und Weise konsumieren, vor einem Abgleiten in manifeste Abhängigkeiten zu schützen. Zielgruppe des so genannten Mehr-Ebenen-Ansatzes von SeM sind
Jugendliche, Eltern und Angehörige sowie Kontaktpersonen aus der einschlägigen Szene. Die Laufzeit des Projekts war von 2004 bis 2007.
Einige Erkenntnisse bzw. Ergebnisse des Projekts6:
- Zirka 40 Prozent der jugendlichen Spätaussiedler konsumieren Suchtmittel, insbesondere Alkohol, in einem problematischen Ausmaß.
- Folgen dieses problematischen Konsums, der sich häufig an den Konsumgewohnheiten der Elterngeneration orientiert, sind erhöhte Aggressivität, mangelnde Entwicklung reifer und altersangemessener sozialer Kompetenzen sowie oftmals soziale Isolierung.
Der Zugang zu den Zielgruppen wurde über ein in mehrfachem Sinne „kultursensibles“ Vorgehen gewählt:
- Die Jugendlichen wurden von Straßensozialarbeitern mit Aussiedlerhintergrund in ihren Jugendzentren und Treffpunkten aufgesucht.
- Die Kontakt- und Vertrauenspersonen erhielten gezielte Fortbildungsangebote (u.a. MOVE, siehe oben).
- Die Eltern und Angehörigen erhielten das Angebot, sich mit ihresgleichen auszutauschen (unter Moderation der SeM-Fachkräfte).
Ambulante und stationäre Eingliederungshilfe
Die Fallzahlen der Eingliederungshilfe sind in den Jahren 2000 bis 2005 dramatisch angestiegen: im ambulanten Bereich um 49 Prozent auf 57100, im stationären Bereich auf 191100 Klientinnen/Klienten (NDV 2007). Auf der Basis gesicherter Daten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe des Jahres 2006 zur Häufigkeit von suchtmittelabhängigen Klientinnen und Klienten in der Eingliederungshilfe7 schätzen wir, dass bundesweit ca. 22000 Klientinnen/Klienten in der Eingliederungshilfe betreut werden, die ein massives Suchtmittelproblem aufweisen, davon ca. 12000 stationär und 10000 ambulant.
Die Eingliederungshilfe bietet eine Reihe von günstigen Bedingungen, um das Suchtmittelproblem therapeutisch angehen zu können:
- Die Verweildauer sowohl im stationären als auch im ambulanten Rahmen ist hoch.
- Die Beziehungskontinuität zwischen Klientin/Klient und Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter ist hoch.
- Im stationären Rahmen ist oftmals Abstinenz gegeben.
- Im ambulanten Rahmen wird oft eng mit der traditionellen Suchthilfe und der Suchtmedizin kooperiert.
Gleichzeitig weist die Eingliederungshilfe im Hinblick auf eine Problematisierung des Konsums aber auch eine Reihe von eher ungünstigen Bedingungen auf:
- Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben oft wenig suchttherapeutische Kompetenz im engeren Sinne.
- Sucht ist nur ein Thema neben anderen.
- Die Klientel hat oft schon viele therapeutische Bemühungen unternommen.
Dennoch hat es in den letzten Jahren in vielen Einrichtungen (vgl. Ullrich 2006) und bei vielen Anbietern Bemühungen gegeben, die günstigen Bedingungen der Eingliederungshilfe für eine Problematisierung und gegebenenfalls Veränderung des Suchtmittelkonsums zu nutzen:
- Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden gezielt über Sucht informiert.
- Sie erhalten Schulungen zum Ausbau der Gesprächsführungskompetenzen.
- Es werden direkte therapeutische Interventionen wie z.B. das >AkT< (s.o.) in den Einrichtungen vorgehalten.
- Die >Integrierten Hilfepläne< führen in der Summe zu einer besseren Abstimmung im gesamten Helferkreis.
Die Eingliederungshilfe birgt somit ein großes Potenzial und legt erste ermutigende Erfahrungen vor, dass Menschen mit massiven Suchtmittelproblemen (wieder) erreicht werden können, die von der traditionellen Suchthilfe nicht (mehr) erreicht werden.
Fazit: Es lohnt sich!
Die hier referierten Projekte und Erfahrungen sollen Mut machen, auch außerhalb der traditionellen Suchthilfe gezielt zu intervenieren. Es lohnt sich, auch wenn vergleichsweise nur wenig Zeit zur Verfügung steht! Die Konzepte und Modelle, die hier berichtet wurden, sind:
- Empathisch – sie orientieren sich an der motivierenden Gesprächsführung und sind vom Ergebnis her zieloffen und individuell angelegt.
- Praktisch – sie sind „kultursensibel“ und orientieren sich an der Lebenswelt bzw. der aktuellen Lebenssituation der Betroffenen.
- Gut – sie sind zwar nicht evidenzbasiert im engen Sinne, aber: Alle Evaluationen der Projekte ziehen ein positives Fazit, alle Beteiligten haben sich positiv geäußert, Transfer- und Verlängerungsphasen wurden – wo beantragt – auch bewilligt.
Als Konsequenzen lassen sich festhalten:
- Traditionelle (oftmals ideologisch geprägte) Konzepte der Sucht- und Drogenhilfe sind zu ergänzen bzw. zu ersetzen durch moderne lebensweltbezogene und pragmatische Konzepte.
- Früherkennung und Frühintervention sind möglich. Damit steigen auch die Möglichkeiten einer Vermeidung von Spätfolgen.
- Die Sucht- und Drogenhilfe sollte ihre Kompetenz stärker als bisher geschehen in sekundärpräventive Ansätze einbringen.
- Die künftige Verteilung der kommunalen Fördermittel für die Sucht- und Drogenhilfe sollte sekundärpräventive Ansätze stärker berücksichtigen.
Dr. Georg Kremer ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet als Therapeutische Leitung in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld. E-Mail: georg.kremer@evkb.de
Anmerkungen:
- www.ginko-ev.de
- www.lwl.org/lwl/Jugend/ks
- Gesellschaft für Beratung und Forschung im Gesundheits- und Sozialbereich: www.fogs-gmbh.de
- www.blv-suchthilfe.de/villa-schoepflin
- GK Quest Akademie: www.gk-quest.de
- Das Projekt SeM wurde im März 2007 abgeschlossen, der Abschlussbericht liegt noch nicht vor. Die hier referierten Ergebnisse sind nachzulesen unter www.lwl.org
- www.lwl.org
Literatur:
Görgen, W./Rometsch, W.: Bundesmodellprogramm „Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten – FreD“. In: Suchttherapie 5/2004, S. 76-79.
John, U./Hapke, U./Rumpf, H.-J./Hill, A./Dilling, H.: Prävalenz und Sekundärprävention von Alkoholmissbrauch und –abhängigkeit in der medizinischen Versorgung. Baden-Baden: Nomos-Verlag, 1996.
König, D.: Türen öffnen. Erste Ergebnisse des Projekts WALK im Katholischen Männerfürsorgeverein München e.V. In: Konturen 6/2005, S. 23-25.
Kremer, G./Dormann, S./Wienberg, G./Pörksen, N./Wessel, T./Rüter, E., unter Mitarbeit von Engler, U., und Schlanstedt, G.: Erkennung und Behandlung von PatientInnen mit Alkoholproblemen in der medizinischen Basisversorgung und Vernetzung mit dem Versorgungssystem für Abhängigkeitskranke. In: Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): Weiterentwicklung von Hilfen für Alkoholkranke und Menschen mit Alkoholproblemen. Baden-Baden: Nomos-Verlag, 1998.
Küfner, H.: Ergebnisse von Kurzinterventionen und Kurztherapien bei Alkoholismus – ein Überblick. In: Suchtmedizin 2/2000, S. 181-192.
Marzinzik, K.: Wissenschaftliche Begleitung des NRW-Modellprojekts MOVE. Motivierende Kurzintervention in der Schwerpunktprävention mit konsumierenden Jugendlichen. Universität Bielefeld, 2004.
Miller, W.R./Rollnick, S.: Motivational interviewing – Preparing people for changing adictive behaviors. New York: The Guilford Press, 1991 (dt. Übersetzung: Motivierende Gesprächsführung. Freiburg: Lambertus-Verlag, 1999).
Miller, W.R./Rollnick, S.: Motivational interviewing: Preparing people for change. New York: The Guilford Press, 2002 (dt. Übersetzung: Motivierende Gesprächsführung. Freiburg: Lambertus-Verlag, 2004).
Miller, W.R./Sanchez, V.C.: Motivating young adults for treatment and lifestyle change. In: Howard, G. (Ed.): Issues in alcohol use and misuse by young adults. University of Notre Dame Press: Notre Dame, 1991.
NDV: Entwicklung der Fallzahlen in der Eingliederungshilfe. In: NDV – Zeitschrift des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 2/2007, S. 33-44.
Prochaska, J.O./DiClemente, C.C.: Transtheoretical therapy: Toward a more integrative model of change. In: Psychotherapy: Theory, Research and Practice 19/1982, S. 276-288.
Rodiek, A.: Besser erfolgreich als „Bekifft in der Schule“. Ein Hamburger Schulprojekt zur Prävention und Frühintervention. In: Kolte, B., et al. (Hrsg.): Was tun, wenn Cannabis zum Problem wird? Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag, 2006.
Ullrich, D.: Betreutes Wohnen für chronisch suchtkranke Menschen. In: Konturen 1/2006, S. 10-13.
Wienberg, G.: Struktur und Dynamik der Suchtkrankenversorgung in der Bundesrepublik – ein Versuch, die Realität vollständig wahrzunehmen. In: Wienberg, G. (Hrsg.): Die vergessene Mehrheit – Zur Realität der Versorgung alkohol- und medikamentenabhängiger Menschen. Bonn: Psychiatrie-Verlag, 1992.
Wienberg, G.: Die „vergessene Mehrheit“ heute – Teil I: Ein Blick zurück nach vorn. In: Wienberg, G./Driessen, M. (Hrsg.): Auf dem Weg zur vergessenen Mehrheit – Innovative Konzepte für die Versorgung von Menschen mit Alkoholproblemen. Bonn: Psychiatrie-Verlag, 2001.
Wienberg, G./Pörksen, N./Wessel, T./Zechert, C.: Abhängigkeitskranke in psychiatrischer Krankenhausbehandlung – Ergebnisse einer Befragung in 14 Kliniken der Bundesrepublik. In: Sucht 39/1993, S. 264-275.
((BU))
Charles Ray, Puzzle Bottle, 1995
[Bild] Das „Wienberg´sche Dreieck“
[1] Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstabdruck: „soziale psychiatrie“, Heft 1, Januar 2008