Über ein neues Gesundheitsranking – und die Motive der Autoren[1]
Ernst & Young präsentiert "Gesundheitsbarometer 2009"
Das Beratungsunternehmen Ernst & Young hat im November 2008 eine repräsentative Befragungvon 2000 volljährigen Verbrauchern in Deutschland zur Qualität der Gesundheitsversorgung durchführen lassen. Danach stellen die Deutschen ihrem Gesundheitswesen überwiegend gute Noten aus: "85 Prozent der Bundesbürger sind insgesamt zufrieden mit der Gesundheitsversorgung in ihrer Region, jeder vierte ist sogar sehr zufrieden." Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen kaum, und Privatversicherte sind mit 87 Prozent nur wenig zufriedener als die GKV-Versicherten (83 Prozent).
Auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind gering. Selbst zwischen den Regionen Nord und Süd respektive West (86 Prozent zufrieden) und Ost (82 Prozent) liegen die Bewertungen kaum auseinander. Eine Differenzierung nach Bundesländern zeigt, dass die Hamburger mit Abstand (93 Prozent) die besten Noten vergeben, die Berliner und Brandenburger die (relativ) schlechtesten (79 Prozent und 73 Prozent). Bemerkenswert ist noch, dass mit Hessen und Niedersachsen klassische Westländer im unteren Bewertungsdrittel liegen und Mecklenburg-Vorpommern besser als der Durchschnitt liegt.
Die bekundete Zufriedenheit mit der Qualität der ärztlichen Behandlung liegt für Hausärzte, Fachärzte und Krankenhäuser jeweils um die 90 Prozent. Das gleiche gilt für die Bewertung der Diagnostik ("Wie schnell und korrekt wird ein Befund erstellt?"). Auch die technische Ausstattung wird bei Krankenhäusern (90 Prozent), Fachärzten (91 Prozent) und Hausärzten (85 Prozent) meist als gut bewertet. Etwas weiter auseinander liegt die Bewertung von Freundlichkeit und Beratung: Hier schneiden die Hausärzte mit 93 Prozent doch signifikant besser ab als die Krankenhäuser mit 86 Prozent. Der geradezu "klassische" Aufreger kommt allerdings mit der Frage nach der Wartezeit. Hier gibt es nur noch 64 Prozent Zufriedene mit den Hausärzten, 59 Prozent bei den Krankenhäusern und gar nur noch 52 Prozent mit den niedergelassenen Fachärzten.
Bei den Wartezeiten ist dabei ein Phänomen besonders ausgeprägt, das sich durch alle Items durchzieht: Die privat Versicherten sind bei allen Bewertungen ein bisschen zufriedener und optimistischer als die GKV-Versicherten. Bei den Wartezeiten allerdings sind die Unterschiede wirklich nennenswert; hier sind z.B. 70 Prozent der PKV-Versicherten mit dem Zeitmanagement der Fachärzte zufrieden, aber nur noch 48 Prozent der GKV-Mitglieder. Die PKV-Versicherten sind auch mit den Wartezeiten bei Hausärzten und in Krankenhäusern deutlich zufriedener als die GKV-Versicherten. In diesem Bereich scheint es also echte Unterschiede zu geben, mindestens in der Wahrnehmung der Befragten, während die Differenzen zwischen GKV- und PKV-Befragten bei den übrigen Befragungsthemen so gering sind, dass eigentlich nur die Regelmäßigkeit auffällt, mit der die PKV-Klientel allesetwas positiver sieht als die GKV-Bevölkerung.
Außerdem wird erhoben, wer in Gesundheitsfragen das größte Vertrauen genießt. Die Liste wird vom Hausarzt angeführt, der 93 Prozent gewinnt. Ärzte an Allgemeinkrankenhäusern bekommen nur noch 78 und Ärzte an Universitätskliniken nur noch 70 Prozent. Schließlich erklären 41 Prozent der Befragten, daß sich "die Qualität der gesundheitlichen Versorgung in ihrem Umfeld in den vergangenen Jahren" verschlechtert habe. Hier sind die privat Versicherten (mit 31 Prozent) deutlich weniger kritisch eingestellt als die GKV-Versicherten (43 Prozent).
Was heißt das nun? Ist es tatsächlich so, wie die "tageszeitung" vom 18. Februar ihren Bericht ganz treuherzig überschreibt, dass "vier von fünf Erwachsenen … überraschend zufrieden mit den medizinischen Leistungen in Deutschland" sind? Oder hat die „Financial Times Deutschland“ vom selben Tag mit der Titelzeile: "Deutsche unzufrieden mit Gesundheitssystem" recht? Wer den Tenor der Befragungsergebnisse besser getroffen hat, ist eine politisch interessante Frage, denn die erhobene Stimmung ist die Folie für die gesundheitspolitischen Wahlkampfthemen und bildet die Grundlage für künftige Gesundheitsreformen.
Allerdings ist die vorgelegte Studie ziemlich oberflächlich und bildet auch für Ernst & Young nur den ersten Aufschlag einer solchen Befragung. Vergleichsergebnisse oder Zeitreihen auf gleicher methodischer Basis lassen sich also beim besten Willen nicht heranziehen. Außerdem ist es für die Umfrageforschung geradezu eine Binsenweisheit, dass die Befragten in fast jedem Lebensbereich die allgemeine Perspektive deutlich schwärzer sehen als ihre persönliche Zukunft darin.
Man sollte daher die inflationäre Tendenz solcher Umfragen im Gesundheitswesen einerseits zum Anlass nehmen, die methodischen Anforderungen hochzuschrauben. Andererseits sollte man sich mehr für die Motive interessieren, die Unternehmen wie z.B. Ernst & Young dazu veranlassen, solche Befragungen zu finanzieren. Dabei fällt auf, dass es gerade bei diesem Unternehmen eine ganze Menge schneller Barometer gibt, zum Immobilienmarkt, für Städte, für Banken und den Mittelstand, etc.
Die Beliebtheit von Rankings korrespondiert dabei mit dem Glauben, man könne auch komplexe Sachverhalte stets in schlichten Zahlenverhältnissen darstellen. Ein Hinweis auf das Motiv des Unternehmens ist dabei die Einbeziehung der Krankenhäuser in diese Befragung. Der zentrale Befund in diesem Sinne dürfte die Initiatoren gefreut haben: "Image der Krankenhäuser lässt zu wünschen übrig", wie eine Passage der zugehörigen Pressemitteilung von Ernst & Young überschrieben ist. Verbunden wird das mit dem Rat: "Gerade angesichts des zunehmenden Wettbewerbs zwischen den Krankenhäusern und der fortschreitenden Konsolidierung in der Branche sollten die Krankenhäuser verstärkt an diesem Thema arbeiten." Die Adressaten dieses Ratschlags dürften danach mindestenseinepotentielle Beraterfirma kennen.
Die Befragung ist ein Eigenprojekt des Unternehmens und hat den Charakter eines auch in anderen Geschäftsfeldern von Ernst & Young bewährten Werbeinstruments. Man signalisiert damit: "Wir kennen uns in diesem Bereich aus" und will Mandate akquirieren, z.B. als Wirtschaftsprüfer bei Krankenhäusern. So weit, so legitim. Aber wirklich überzeugend ist das nicht.
[1]Quelle: Zeitschrift Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid), Ausgabe (8/2009); Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.