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VPP 1/2010

Überschätzte Vorsorge? – Plattform Gesundheit des IKK e.V. [1]

22. Januar 2010

Bericht über eine Veranstaltung der Gemeinsamen Vertretung der Innungskrankenkassen (IKK e.V.)

 

Ein neues Veranstaltungsformat hatte der Vorstandsvorsitzende des IKK e.V. Andreas Fabri in seiner Begrüßung angekündigt – schon das lässt die von Veranstaltungen oft gelangweilte Berliner Szene aufhorchen: ein themenzentrierter, nachvollziehbarer, möglichst objektiver Diskurs. Dass dann noch einer der Protagonisten der Präventionsbewegung, IKK e.V. Geschäftsführer Rolf Stuppardt, den Mut hat, das Thema Vorsorge in einer präventionsgläubigen Gesellschaft kritisch zu hinterfragen, weckt dann auch in der Berliner Szene echtes Interesse.

„Überschätzte Vorsorge?“, so der Titel der Veranstaltung am 1.12. in Berlin.

Für Spannung sorgte das Aufeinandertreffen von Christa Maar, Vorstand der Felix Burda Stiftung, und Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Uni Hamburg – beide Frauen zeichnet ein großes Selbst- und ein gewisses Sendungsbewusstsein aus.

Auf der einen Seite Christa Maar, die in der Gewissheit der guten Sache Kampagnen für Darmkrebsfrüherkennung fährt, auf der anderen Seite Ingrid Mühlhauser, mittlerweile das „enfant terrible“ der Präventionsdebatte, die unermüdlich wissenschaftliche Belege für den Nutzen, aber auch den Schaden von Früherkennungsmaßnahmen einfordert.

Leider fanden sie auf der IKK Veranstaltung keine gemeinsame Kommunikationsebene. Christa Maar bügelte mit dem Hinweis, sie sei ja keine Wissenschaftlerin, alles ab. Selbst schärfste Attacken von Ingrid Mühlhauser – „Wir wissen mittlerweile, wie man Bevölkerung informieren kann – Kampagnen stehen dem völlig entgegen“ – ließ sie an sich regelrecht abtropfen.

Auch wenn zwischen diesen beiden Frauen keine Kommunikation zustande kam, oder vielleicht gerade deshalb, konnten einige Probleme klar identifiziert werden. Auch Früherkennungsuntersuchungen müssen kritisch hinterfragt werden. Sie sind nicht per se gut oder schlecht. Die Daten- und Studienlage ist unbefriedigend.

Rolf Stuppardt wies darauf hin, dass ihm in der Vorbereitung, im Vergleich der Positionen von GBA und Ingrid Mühlhauser, 2 Dinge aufgefallen seien:

Die vorhandenen Daten seien nur schwer zuzuordnen, beide rekurrierten auf Cochrane, zögen daraus aber unterschiedliche Schlüsse. Die Datenquellen seien uralt, mittlerweile gebe es doch sicher viele neue Erkenntnisse.

Auch in der Podiumsdiskussion konnte keine befriedigende Antwort gefunden werden, wie Prävention denn nun zu bewerten ist. Klaus Koch vom IQWiG lapidar: Nicht die Zahlen seien entscheidend, sondern wie man sie interpretiere.

Als weiteres Problem wurde die Politik benannt, die Programme ohne hinreichende wissenschaftliche Absicherung vorantreibe, so Leonhard Hansen bezogen auf das Mammographie-Screening – welches er als „Kakophonie der Politik“ bezeichnete: „Entscheiden, bevor die Dinge klar sind.“

Rainer Hess war sichtlich froh, dass zum Mammographie-Screening inzwischen ein positiver Evaluationsbericht vorliegt. Wenn also die Sinnhaftigkeit von Prävention noch nicht abgeklärt ist, sollen Bürger über Früherkennungsmaßnahmen informiert werden und wenn ja, wie?

Ingrid Mühlhauser, aber auch Klaus Koch sprachen sich dafür aus, dem Versicherten eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Es gebe aber eine bestimmte Art von Information, die gerade nicht zu informierter Entscheidung führe.

Dagegen Christa Maar: Durch Kampagnen sei es gelungen, diese Themen ins Bewusstsein zu bringen – nicht durch informierte Entscheidungen. Es gehe darum, die Aufmerksamkeit hoch zu halten. „Wir beeinflussen Entscheidungen nicht, sondern machen auf das Thema aufmerksam.“ Für die Herbeiführung von informierten Entscheidungen dagegen seien die Ärzte zuständig.

Rückendeckung erhielt Christa Maar von Brigitte Wutschel-Monka, der Vorstandsvorsitzenden der IKK Nordrhein: Sie befürworte Kampagnen, weil sie Aufmerksamkeit erregten und man sich dann mit dem Thema beschäftige.

So entließ der Veranstalter das Auditorium am Ende in eine Aporie nicht vermittelter und nicht vermittelbarer Positionen – aber in eine konstruktive, denn hier wurde enormer Versorgungsforschungsbedarf sichtbar. Bis hier eindeutige Ergebnisse vorliegen, da kann man Ingrid Mühlhauser und Klaus Koch nur beipflichten, bliebt nichts anderes übrig, als die Entscheidung, ob Prävention sinnvoll ist oder nicht, nur in die Hand des Versicherten zu legen – von der Experten- auf die Entscheidungsebene herunterziehen. Dazu benötigt der Versicherte sachgerechte Informationen, und die können Kampagnen nicht bieten, sondern höchstens Aufmerksamkeit erregen. Sie dürfen aber nicht vorgaukeln, als wären Sinn und Erfolg von Prävention eine klare Angelegenheit.

Selbst wenn einmal genügend Ergebnisse der Versorgungsforschung vorliegen, die letzte Entscheidung trifft der Versicherte, aber dann wenigstens auf etwas mehr sicherem Terrain. Aber wie Klaus Koch sagte, kommt es auf die Interpretation der Zahlen an, und wer wagt schon zu behaupten, er habe die allein seligmachende Interpretation.

Das Veranstaltungskonzept ist gelungen – Positionen, Notwendigkeiten und Bedarfe konnten aufgezeigt werden.


[1] Quelle: Online-Zeitschrift Highlights, Ausgabe 29/2009 vom 14.12.2009; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion