Ulrike Wilhelm: Kommentar zum Artikel
Viele Menschen sind in ihrem Leben wiederholt mit schwerwiegenden Belastungen konfrontiert und können diese oft aus eigener Kraft überwinden. Die differenzierte Betrachtung der Entstehung von psychischen Erkrankungen zeigt, dass schwerwiegende Belastungen durchaus ein Auslöser für die Entwicklung einer psychische Erkrankung sein können, für die Entstehung psychischer Erkrankungen reichen aber monokausale Erklärungsversuche nicht aus. Vor Beginn einer Behandlung ist es daher obligate Aufgabe von Ärzten und Psychotherapeuten, das Vorliegen einer behandlungsbedürftigen Erkrankung diagnostisch abzuklären.
Die hohe Übereinstimmung der Gutachter bei Psychotherapieanträgen mit der gestellten Behandlungsindikationen durch die Psychotherapeuten spricht somit in erster Linie für die hohe fachliche Qualifikation der Behandler. Wer höhere Ablehnungsquoten durch die Gutachter fordert, unterstellt, dass die Psychotherapeuten in vielen Fällen unberechtigterweise eine Psychotherapie beginnen wollen. Welche Grundlage haben die Autoren Freyberger und Linden für ihre Unterstellung? Wenn man dagegen davon ausgeht, dass die Therapeuten qualifizierte Psychodiagnostik betrieben haben, dann bedeutet die Forderung nach höheren Ablehnungs-quoten, dass man fordert, in vielen Fällen Psychotherapien zu verweigern, obwohl sie dringend indiziert sind. Damit würde das Leiden psychisch kranker Menschen missachtet; und dies käme einer kassenrechtlich organisierten unterlassenen Hilfeleistung gleich. Die bestehende Unterversorgung würde quasi amtlich geleugnet, nicht aber näher untersucht oder gar behoben. Eine Ignoranz oder Entwertung des Leidens psychisch kranker Menschen ist ein gefährlicher Rückschritt. Helmut Kohl sagte 1998 sehr zutreffend: "Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht". Die Frage sollte nicht sein, wie schaffen wir es, das Leiden psychisch kranker Menschen her-unterzuspielen, um eine Nichtversorgung besser vertreten zu können, sondern wie können wir es schaffen, das Ausmaß der bereits bestehenden Unterversorgung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen sukzessiv zu vermindern. Dabei geht es um den Stellenwert der sprechenden Medizin. Dieses einfache und kostengünstige und eigentliche Herzstück der Medizin wurde wegreformiert. Wie vielen Patienten könnte mit geringen Mitteln geholfen werden, wenn es dem niedergelassenen Arzt möglich wäre, mit seinen Patienten 15 Minuten zu reden, ohne dass es gleich ein Loch in die Kasse reißen würde und in der Summe die eigene Existenz gefährdet. Wieviel Geld könnte gespart werden, wenn psychische Erkrankungen frühzeitig erkannt werden? Wie viele Patienten könnten zusätzlich behandelt werden, wenn das nach-weislich fachlich nicht notwendige und sehr zeitbindende Gutachterverfahren abgeschafft würde? Ja, es gibt auch Menschen, die im psychischen Bereich mit chronischen Erkrankungen zu kämpfen haben, bei denen eine vollständige bzw. dauerhafte Remission nicht wahrscheinlich ist. Im somatischen Bereich kann der an Diabetes erkrankte Mensch mit einer lebenslänglichen Versorgung rechnen, im psychischen Bereich auch, allerdings oft mit einem Wechsel zwischen Überversorgung durch wiederholte stationäre Aufenthalte und einer ambulanten Unterversorgung durch eine fehlende psychotherapeutische Unterstützung. Anstatt die psy-chisch kranken Menschen als Simulanten zu diskreditieren, wäre eher die Frage zu stellen, wie wir es schaffen, dass ein Psychotherapeut mehr psychisch kranke Patienten versorgen kann und dass die Versorgungsangebote so differenziert und weiterentwickelt werden, dass die unterschiedlichen Bedarfslagen und die unzweifelhaft vorhandenen Unterversorgungslagen berücksichtigt werden können. Wieso kann ein Psychotherapeut beispielsweise nicht therapeutisches Personal anstellen und komplementäre Dienste koordinieren und fachlich super-vidieren? Wieso fällt es den Kassen und KVen so schwer, andere innovative Versorgungsmodelle zu entwickeln und zu erproben, in denen Psychotherapeut(inn)en verantwortlich die Versorgung weiterentwickeln?
Das Leiden so vieler hilfebedürftiger psychisch kranker Menschen herabzuwürdigen bleibt zutiefst menschenverachtend, egal in wie viele eloquente und schöne und irreführende Worte man das kleidet!
Dr. Ulrike Wilhelm, Lünen