Visionen eines wieder gelassenen Psychologen - eine Farce?
In 20 Minuten fange ich an. Meine Praxishilfe wird die ersten fünf Patientenkarten schon herausgesucht haben; unauffällig werden sie in den Halterungen vor den Türen stecken, aus denen ich sie verstohlen herausziehen und überfliegen werde. Wie so oft in letzter Zeit werde ich mir das Gesicht des Patienten vorzustellen versuchen, der da nervös oder apathisch oder angriffslustig auf mich warten wird. Und wie so oft in letzter Zeit werden die Gesichter sich übereinander schieben, miteinander verschmelzen und sich mit beliebigen Fetzen von Biografien, Bildern und Begegnungen verbinden. Ein kurzes Durchatmen, ein verhaltener Seufzer - ich werde die erste Tür öffnen: "Na, alles gut überstanden, Herr O. ..." - Meine Vorstellung reißt ab.
Noch zehn Minuten, dann werde ich die Praxis betreten. Simone wird mich genauso verbindlich und sachlich begrüßen, wie sie auch meine Patienten empfängt. Das lernen die jungen PTH (Psychotherapeutische Helferinnen) heutzutage in ihrer Ausbildung. "Gerade bei psychotherapeutischen Sprechstundenhilfen", so hat sie mir mal erklärt, "ist es wichtig, dass keine emotionalen Bindungen der Patienten zu ihnen entstehen, wegen self management und Abhängigkeitsvermeidung und so." Anfangs hatte ich mal eine PTH, die viel mit den Kunden scherzte. Leider rutschten ihr hin und wieder mal die Interventionsmaßnahmen raus, die ich mir nach jeder Sitzung immer fürs nächste Mal auf der Karte vermerke. "Ja, genau das hat Ihre Assistentin auch gerade zu mir gesagt", kam mir dann mitunter als Reaktion auf meine sorgfältig geplante Intervention aus der Kabine entgegen.
Also, keine Verwicklungen bitte. Wir Psychologen sind professioneller geworden. Und schneller. Drei - fünf Sitzungen - früher hätten wir das "Quickie" genannt - sind die Norm. Mehr als zehn sind ein Fall für die QS-Inspektoren. (Ach ja, das kennen Sie ja noch nicht: Das sind die Qualitätssicherungsleute von der KV.) Wenn man zu häufig den "Normalfall" (zehn Stunden) überschreitet oder gar die "Höchstgrenzen" (15 Stunden), wird man freundlich-bestimmt zu einem QS-Seminar der KV ein-, vor- bzw. geladen. Hier werden aber nicht persönlich-fachliche Defizite des Behandlers aufgedeckt und behoben, sondern - wir nennen das etwas bösartig: finale - Strategien eingeübt. Was das ist? Also das sind Techniken, wie man Therapien beendet, mittels Über-/Unter-/Einweisung etwa oder - wir VTler machen das gerne so - mittels eines einstündigen Crashkurses in TET (Therapeutic Effect Transference; im Jargon: Total Entnervter Therapeut).
Ein verbindlich-sachliches, nicht-verwickeltes "Guten Morgen." meiner Sprechstundenhilfe weckt mich aus meinen Tagträumen. Ihr Gruß ist ein Fakt, kein Willkommen, keine Anteilnahme, keine Aufforderung zu Gesang und Tanz. Er ist einfach eine Feststellung. Und er endet mit einem Punkt. Unmissverständlich. Professionell.
"Na, wie war Ihr Wochenende?" - Mein Versuch scheitert kläglich. "Alle Patienten sitzen schon in den Kabinen. In Nummer 1 die unspezifische Bulimie. Sie wollten noch klären ..." Die letzten Worte versickern irgendwo auf dem Weg zu mir.
Ich muss Ihnen was erklären: das Kabinensystem. Das fing so etwa im Herbst 2004 an. Einige Kollegen hatten damit wohl schon heimlich begonnen. Sie wissen ja, die Punktwerte. So schlimm wie 1999 in den Neuen Bundesländern und in Schleswig-Holstein mit Stundenhonoraren von bis zu 14 Pfennig (in etwa sieben Cent) ist es zwar nicht mehr geworden. Aber es blieb ständiges Reizthema. Unser Honorar pendelte sich dann auf um die 15 Euro ein. Viele Praxen mussten aus finanziellen Gründen schließen, eine ganze Reihe von Kollegen wurde beim Abrechnungsbetrug erwischt. Was die nämlich nicht wissen konnten: Ein Jahr lang kamen "U-Boote" der KV und der AOK in die Praxen, ließen sich behandeln und prüften auf diese Weise Abrechnungsumfang und -inhalte. Diejenigen, denen kein Betrug nachgewiesen werden konnte, bekamen Ärger wegen "Rechtswidriger Anwendung unwissenschaftlicher Behandlungsverfahren" (die sog. RAUB-Affäre). Diese offensichtlich gut geschulten "Patienten" fragten irgendwann ihre Therapeuten: "Sagen Sie mal, machen Sie eigentlich auch Gestalt?" Oder: "Können Sie mir nicht mal Körperübungen zeigen, ich bin irgendwie nicht so ganz in mir?" Besonders perfide war, dass alle ihre Rolle bis Ende 2001 durchhielten, ohne sich zu verraten. Heute erinnere ich mich daran, dass bereits im Frühjahr 2000 Kollegen in Hamburg und Berlin derart "überprüft" wurden, allerdings nur telefonisch. Nach diesen Erfahrungen hätte man schließlich auch ein bisschen vorsichtiger sein können, oder? Was ich daraus gelernt habe, ist, dass unsere neue Sachlichkeit und Professionalität eben auch zu unserem Schutz da ist ...
Nun aber zurück zu den Finanzen: Wie führt man mit einem Stundenhonorar von 15 Euro (das Wort "Honorar" hat inzwischen eine ganz neue Konnotation bekommen, insofern als der Aspekt des Ehrenamts in unserer Tätigkeit den der Bezahlung in den Hintergrund gedrängt hat ...) wirtschaftlich eine Praxis? Hier haben wir Psychotherapeuten in mehrfacher Hinsicht von den Somatikern lernen dürfen, und zwar zum ersten, indem wir alle in einen weißen Kittel geschlüpft sind. Was nämlich die therapeutische Arbeit früher so anstrengend und auszehrend gemacht hatte, war ja die "Beziehungsarbeit", was wiederum den Effekt hatte, dass man allerhöchstens 25 Patienten - nein, ich muss richtiger sagen: Klienten - pro Woche schaffte!
In der "funktionellen Wende" - einem Vorstoß der VTler, dem sich die Psychoanalytiker begeistert anschlossen - wurde diese Art von Begegnungsarbeit als obsolet vollständig aus der Richtlinienpsychotherapie verbannt. Man merkte dies u.a. auch daran, dass in den Literaturverzeichnissen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen schlagartig die Werke von Martin Buber, Karl Jaspers oder Ferdinand Ebner verschwanden und mit ihnen die Titel aller Autoren, die auf dieses Pferd gesetzt hatten, z.B. Portele, Staemmler, Mehrgardt u.a.
Nebenbei sei vermerkt, dass eine Gruppe von einflussreichen Gestalttherapeuten die wissenschaftliche Anerkennung der Gestalttherapie hat durchsetzen können, wenngleich auch einige Kröten "geschluckt" werden mussten wie bspw. die Umbenennung in Gestaltungstherapie. Mich tröstet dabei ein wenig, dass sich für die VT auf Kundenseite ja auch "Verhaltungstherapie" eingebürgert hat. Die zweite große Schule, die "es" geschafft hat, ist die Systemische Familientherapie, heute: "Systematische Therapie". Die Zulassung wurde hier aber auf die Methoden eingeschränkt, die sich nachweislich auf monokausale und lineare Behandlungsprinzipien beschränken.
Um wieder zur statuserhaltenden Aura des weißen Kittels zurückzukehren: Ja, wir tragen nun endlich auch so ein Gewand, wenn auch nicht sichtbar, so doch als Haltung. Es arbeitet sich gut darin: Wenn gut gestärkt, hält einen dieser in Fasson, auch wenn man innerlich mal zusammensackt.
Ja, und zweitens eben die erwähnten Kabinen. Die haben wir ebenfalls von den Somatikern abgeguckt. Wie gesagt, aus Honorargründen haben wir mit der Simultanbehandlung angefangen. Vom Gruppenbehandlungs-Setting unterscheidet sich diese dadurch, dass (ähnlich wie in Spielhallen) um jeden Patienten (Automaten) mindestens drei Wände gestellt sein müssen. Da mittlerweile das zwischenzeitliche Überangebot an Psychotherapeuten durch "grüne Selektion" (Sie erinnern sich: Eine Zeit lang war eine Grüne Bundesgesundheitsministerin) abgenommen hat und andererseits die Kostenerstattler in Schach gehalten werden sollen, waren die KV.en und Kassen überraschend schnell mit dem Kabinensystem einverstanden. Ebenso überraschend war, wenn auch im Nachhinein besehen nur konsequent, dass Abtrennungen mittels schalldurchlässiger Leichtbauwände an drei Seiten und Schiebetür oder Vorhang im Zugangsbereich als ausreichend angesehen wurden. Begründet wurde dieses Zugeständnis damit, dass infolge der Standardisierungen der Richtlinienverfahren die therapeutischen Gespräche persönliche und damit schützenswerte Daten nicht mehr enthielten. Wie dem auch sei: Zugelassen sind offiziell bis zu fünf Kabinen pro Therapeut und 50 Minuten. Die meisten Kollegen führen aber durchschnittlich bis zu acht Parallelbehandlungen durch, um so auf einen Stundensatz von ca. 120,- Euro zu kommen. Sollte mal ein QS-Inspektor unangemeldet auftauchen, befinden sich eben drei Patienten in ihrer nicht-abrechnungsrelevanter Refraktärzeit ... Nun begleiten Sie mich am besten mal einige Zeit auf meinem Weg durch meinen Praxisalltag. Also Kabine 1, Sie erinnern sich, die atypische Bulimie. Ich öffne, ausatmen (Wie war doch gleich ihr Gesicht? - ach ja.) Dass sie ihre Hausaufgaben (Wochenprotokolle) nicht gemacht hat, ignoriere ich. Dafür halte ich in meiner linken Hand hinter meinem Rücken etwas versteckt. (Simone ist perfekt, alle benötigten Arbeitsmaterialien zaubert sie wie auf Kommando hinter der Theke hervor.) Ich gehe mit der Patientin die Bewältigungskognitionen durch. Dann stelle ich die Schale mit den Gummibärchen (Hierarchie Stufe 7) in 1,20 m Entfernung von ihr auf den Fußboden. Mit einem "Denken Sie positiv: "Ich halte es aus!" lasse ich sie allein. Kurzer Gang zur Theke, wo mir Simone einen von ihr selbständig verfassten Befundbericht zur Unterschrift vorlegt, wobei sie "Hyperventilationstests immer nur donnerstags um acht" ins Telefon spricht. Auf zur zweiten Kabine - bis jetzt bin ich gut in der Zeit, keine sechs Minuten bisher. Griff zur Karteikarte - meine Augenbrauen schieben sich wie Wolken zusammen, Kloß im Magen - an Frau F. erinnere ich mich lebhafter als mir lieb ist: Histrionikerin. Eigentlich gehts ihr gar nicht schlecht. Von ihrer Kasse hat sie die Auflage zur Behandlung gekriegt, weil sie immer von Arzt zu Arzt rannte und zu teuer wurde. Zum Glück wartet sie jetzt ruhig in der Kabine auf mich. Die ersten Male war sie ständig rausgekommen und hatte sich bei Gabi - meine zweite Hilfe, zur Zeit im Urlaub - über alles mögliche beklagt, was ich getan oder unterlassen habe. Ich hab' keine Ahnung, wie Gabi sie dazu gekriegt hat, so brav zu sein. Seufzer etwas tiefer als sonst, hinein gehen. "Guten Mor-" Sie haben mich gestern bei Plaza gar nicht gegrüßt. Aber ich bin Ihnen ja auch nicht wichtig." Ihre schrille Stimme klingelt schmerzhaft in meinen Ohren. (Ignorieren. Löschen.) "Mir geht es heute gar nicht gut ..." (Nackenhaare stellen sich auf. Auch ignorieren, löschen.) "Ach, ich glaube, Sie können mir auch nicht helfen, Herr Dr. Mehrgardt. Dabei hatte ich so viel Hoffnung in Sie gesetzt." (Innerliches Zusammensacken, aber der Kittel hält. Ignorieren. Wiederaufpumpen.) "Liebe Frau F., nun zeigen Sie mir erstmal Ihre - ach, Sie haben das nicht hingekriegt ...?" (Fehlstart, die Läufer gehen frustriert zurück zu den Blöcken. Brennen in der Magengegend: die Zeit !) Ich gebe ihr eine Aufgabe, irgendwas mit Kognitionen, soweit ich mich erinnere. Dann laut: "Ich komm dann gleich wieder." - 1. Runde geschafft! "In Kabine 3 sitzt ein Neuer.", empfängt mich Simone. "Depression mit Somatik. Soll ich gleich mit rein?" Ich nicke geistesabwesend. Karte, verstohlenes Ausatmen, Klinke, gemeinsames Eintreten. Textbaustein "Erstkontakt" downloaden, der mit der Bemerkung endet, dass meine speziell dafür ausgebildete Praxishilfe nun erstmal einige Tests und Fragebögen mit Ihnen durchführt. (Sehr gut - Erstkontakte verbessern den Schnitt, zumal der zweite Durchgang entfällt.) Dann Kabine 4 (eine Rezidivierende), Kabine 5 (Höchstgrenzen-Behandlung, multiple Traumatisierung wegen innerfamiliären Übergriffs, heute 14., also vorletzte Sitzung.) "Erlernen von Selbstkontrolle, vielleicht Zeitprojektion", steht auf meiner Karte für heute. Zehn vor neun ertönt unser wohlklingender Gong, woraufhin die Patienten aus den Kabinen treten. Verabschiedung. Bei Frau F.s Abschied, der sich als zäh erweist, klingelt das Telefon. (Du bist ein Schatz, Simone. - Sie hat mir zum Kauf dieser speziellen Psychotherapeutentelefonanlage-mit-einstellbarer-Gesprächs-Unterbrechungs-Funktion geraten und stellt diese immer bei Terminen von Frau F. auf neun Minuten vor ein. Gerettet!) Kurze Pause, Kaffee, Zigarette. (Warum musste ich nach über 15 Jahren rückfällig werden?!) Anschließend zweite Runde, wobei ich die Nummer 3 überspringen kann (s.o.). Dann der nächste Satz Patienten. Also weiter. Jeden Morgen 4 x 5 Patienten, jeden Nachmittag ebenfalls 4 Runden, also Tag für Tag 40 Patienten. Laut QS-Statistik haben wir Psychotherapeuten in Schleswig-Holstein den Durchlauf verfünffachen, die durchschnittliche Behandlungsdauer auf ein Drittel bis ein Viertel reduzieren können, und dies bei einem verbesserten Therapie-Erfolg von - gemessen an der Anzahl von Wiederbehandlungen - über 80%! Das heißt, dass im Anschluss an eine Psychotherapie weniger als 20% eine erneute Behandlung in Anspruch nehmen! Der dritte Grund, weshalb wir Psychotherapeuten weniger belastet und deshalb effektiver geworden sind, liegt - in engem Zusammenhang mit der erwähnten funktionellen Wende - im sog. "metaphysischen Schnitt" - auch von den Somatikern übernommen. An die Stelle der Begegungsspekulanten traten in den Literaturverzeichnissen die Namen von Pragmatikern, Neo-Positivisten und Sprachanalytikern, u.a. leComte, die Mitglieder der "Wiener Schule", Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Alle metaphysischen Themen wurden als spekulativ oder esoterisch aus den Psychotherapien verbannt. Zunächst gab es einige Missstimmung, wurden doch nach und nach alle Antragsberichte abgelehnt, in denen von existenziellen Ängsten oder Trauer, von Sinnfragen oder Begegnungsfähigkeit die Rede war. Es ist nun gut zwei Jahre her, dass dieser Bannspruch von der KBV offiziell verhängt wurde, und ich muss trotz anfänglicher Empörung eingestehen, dass es mir seitdem besser geht: keine eigenen Erschütterungen mehr infolge von Gesprächen über Themen, die auch mich betreffen und beunruhigen; keine erschöpfenden Kontakte von Mensch zu Mensch, womit den Patienten ja doch nur etwas vorgespielt wurde. Seien wir doch ehrlich: Haben Sie jemals nach noch so ergreifenden Abschiedsszenen auch nur andeutungsweise so etwas wie ein Verlangen verspürt, den Patienten wiederzusehen?? Nein, es ist schon gut so, wie es ist! Und nur manchmal träume ich noch, dass mir ein Klient dankbar um den Hals fällt. Und wache schweißgebadet auf. Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Mehrgardt, Lübeck
mich daran, dass bereits im Frühjahr 2000 Kollegen in Hamburg und Berlin derart "überprüft" wurden, allerdings nur telefonisch. Nach diesen Erfahrungen hätte man schließlich auch ein bisschen vorsichtiger sein können, oder? Was ich daraus gelernt habe, ist, dass unsere neue Sachlichkeit und Professionalität eben auch zu unserem Schutz da ist ... Nun aber zurück zu den Finanzen: Wie führt man mit einem Stundenhonorar von 15 Euro (das Wort "Honorar" hat inzwischen eine ganz neue Konnotation bekommen, insofern als der Aspekt des Ehrenamts in unserer Tätigkeit den der Bezahlung in den Hintergrund gedrängt hat ...) wirtschaftlich eine Praxis? Hier haben wir Psychotherapeuten in mehrfacher Hinsicht von den Somatikern lernen dürfen, und zwar zum ersten, indem wir alle in einen weißen Kittel geschlüpft sind. Was nämlich die therapeutische Arbeit früher so anstrengend und auszehrend gemacht hatte, war ja die "Beziehungsarbeit", was wiederum den Effekt hatte, dass man allerhöchstens 25 Patienten - nein, ich muss richtiger sagen: Klienten - pro Woche schaffte! In der "funktionellen Wende" - einem Vorstoß der VTler, dem sich die Psychoanalytiker begeistert anschlossen - wurde diese Art von Begegnungsarbeit als obsolet vollständig aus der Richtlinienpsychotherapie verbannt. Man merkte dies u.a. auch daran, dass in den Literaturverzeichnissen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen schlagartig die Werke von Martin Buber, Karl Jaspers oder Ferdinand Ebner verschwanden und mit ihnen die Titel aller Autoren, die auf dieses Pferd gesetzt hatten, z.B. Portele, Staemmler, Mehrgardt u.a. Nebenbei sei vermerkt, dass eine Gruppe von einflussreichen Gestalttherapeuten die wissenschaftliche Anerkennung der Gestalttherapie hat durchsetzen können, wenngleich auch einige Kröten "geschluckt" werden mussten wie bspw. die Umbenennung in Gestaltungstherapie. Mich tröstet dabei ein wenig, dass sich für die VT auf Kundenseite ja auch "Verhaltungstherapie" eingebürgert hat. Die zweite große Schule, die "es" geschafft hat, ist die Systemische Familientherapie, heute: "Systematische Therapie". Die Zulassung wurde hier aber auf die Methoden eingeschränkt, die sich nachweislich auf monokausale und lineare Behandlungsprinzipien beschränken. Um wieder zur statuserhaltenden Aura des weißen Kittels zurückzukehren: Ja, wir tragen nun endlich auch so ein Gewand, wenn auch nicht sichtbar, so doch als Haltung. Es arbeitet sich gut darin: Wenn gut gestärkt, hält einen dieser in Fasson, auch wenn man innerlich mal zusammensackt. Ja, und zweitens eben die erwähnten Kabinen. Die haben wir ebenfalls von den Somatikern abgeguckt. Wie gesagt, aus Honorargründen haben wir mit der Simultanbehandlung angefangen. Vom Gruppenbehandlungs-Setting unterscheidet sich diese dadurch, dass (ähnlich wie in Spielhallen) um jeden Patienten (Automaten) mindestens drei Wände gestellt sein müssen. Da mittlerweile das zwischenzeitliche Überangebot an Psychotherapeuten durch "grüne Selektion" (Sie erinnern sich: Eine Zeit lang war eine Grüne Bundesgesundheitsministerin) abgenommen hat und andererseits die Kostenerstattler in Schach gehalten werden sollen, waren die KV.en und Kassen überraschend schnell mit dem Kabinensystem einverstanden. Ebenso überraschend war, wenn auch im Nachhinein besehen nur konsequent, dass Abtrennungen mittels schalldurchlässiger Leichtbauwände an drei Seiten und Schiebetür oder Vorhang im Zugangsbereich als ausreichend angesehen wurden. Begründet wurde dieses Zugeständnis damit, dass infolge der Standardisierungen der Richtlinienverfahren die therapeutischen Gespräche persönliche und damit schützenswerte Daten nicht mehr enthielten.
Wie dem auch sei: Zugelassen sind offiziell bis zu fünf Kabinen pro Therapeut und 50 Minuten. Die meisten Kollegen führen aber durchschnittlich bis zu acht Parallelbehandlungen durch, um so auf einen Stundensatz von ca. 120,- Euro zu kommen. Sollte mal ein QS-Inspektor unangemeldet auftauchen, befinden sich eben drei Patienten in ihrer nicht-abrechnungsrelevanter Refraktärzeit ...
Nun begleiten Sie mich am besten mal einige Zeit auf meinem Weg durch meinen Praxisalltag. Also Kabine 1, Sie erinnern sich, die atypische Bulimie. Ich öffne, ausatmen (Wie war doch gleich ihr Gesicht? - ach ja.) Dass sie ihre Hausaufgaben (Wochenprotokolle) nicht gemacht hat, ignoriere ich. Dafür halte ich in meiner linken Hand hinter meinem Rücken etwas versteckt. (Simone ist perfekt, alle benötigten Arbeitsmaterialien zaubert sie wie auf Kommando hinter der Theke hervor.) Ich gehe mit der Patientin die Bewältigungskognitionen durch. Dann stelle ich die Schale mit den Gummibärchen (Hierarchie Stufe 7) in 1,20 m Entfernung von ihr auf den Fußboden. Mit einem "Denken Sie positiv: "Ich halte es aus!"- lasse ich sie allein. Kurzer Gang zur Theke, wo mir Simone einen von ihr selbständig verfassten Befundbericht zur Unterschrift vorlegt, wobei sie "Hyperventilationstests immer nur donnerstags um acht" ins Telefon spricht. Auf zur zweiten Kabine - bis jetzt bin ich gut in der Zeit, keine sechs Minuten bisher. Griff zur Karteikarte - meine Augenbrauen schieben sich wie Wolken zusammen, Kloß im Magen - an Frau F. erinnere ich mich lebhafter als mir lieb ist: Histrionikerin. Eigentlich gehts ihr gar nicht schlecht. Von ihrer Kasse hat sie die Auflage zur Behandlung gekriegt, weil sie immer von Arzt zu Arzt rannte und zu teuer wurde. Zum Glück wartet sie jetzt ruhig in der Kabine auf mich. Die ersten Male war sie ständig rausgekommen und hatte sich bei Gabi - meine zweite Hilfe, zur Zeit im Urlaub - über alles mögliche beklagt, was ich getan oder unterlassen habe. Ich hab' keine Ahnung, wie Gabi sie dazu gekriegt hat, so brav zu sein.
Seufzer etwas tiefer als sonst, hinein gehen. "Guten Mor-" "Sie haben mich gestern bei Plaza gar nicht gegrüßt. Aber ich bin Ihnen ja auch nicht wichtig." Ihre schrille Stimme klingelt schmerzhaft in meinen Ohren. (Ignorieren. Löschen.) "Mir geht es heute gar nicht gut ..." (Nackenhaare stellen sich auf. Auch ignorieren, löschen.) "Ach, ich glaube, Sie können mir auch nicht helfen, Herr Dr. Mehrgardt. Dabei hatte ich so viel Hoffnung in Sie gesetzt." (Innerliches Zusammensacken, aber der Kittel hält. Ignorieren. Wiederaufpumpen.) "Liebe Frau F., nun zeigen Sie mir erstmal Ihre - ach, Sie haben das nicht hingekriegt ...?" (Fehlstart, die Läufer gehen frustriert zurück zu den Blöcken. Brennen in der Magengegend: die Zeit !) Ich gebe ihr eine Aufgabe, irgendwas mit Kognitionen, soweit ich mich erinnere. Dann laut: "Ich komm dann gleich wieder." - 1. Runde geschafft!
"In Kabine 3 sitzt ein Neuer.", empfängt mich Simone. "Depression mit Somatik. Soll ich gleich mit rein?" Ich nicke geistesabwesend. Karte, verstohlenes Ausatmen, Klinke, gemeinsames Eintreten. Textbaustein "Erstkontakt" downloaden, der mit der Bemerkung endet, dass meine speziell dafür ausgebildete Praxishilfe nun erstmal einige Tests und Fragebögen mit Ihnen durchführt. (Sehr gut �?? Erstkontakte verbessern den Schnitt, zumal der zweite Durchgang entfällt.)
Dann Kabine 4 (eine Rezidivierende), Kabine 5 (Höchstgrenzen-Behandlung, multiple Traumatisierung wegen innerfamiliären Übergriffs, heute 14., also vorletzte Sitzung.) "Erlernen von Selbstkontrolle, vielleicht Zeitprojektion", steht auf meiner Karte für heute. Zehn vor neun ertönt unser wohlklingender Gong, woraufhin die Patienten aus den Kabinen treten. Verabschiedung. Bei Frau F.'s Abschied, der sich als zäh erweist, klingelt das Telefon. (Du bist ein Schatz, Simone. - Sie hat mir zum Kauf dieser speziellen Psychotherapeutentelefonanlage-mit-einstellbarer-Gesprächs-Unterbrechungs-Funktion geraten und stellt diese immer bei Terminen von Frau F. auf neun Minuten vor ein. Gerettet!) Kurze Pause, Kaffee, Zigarette. (Warum musste ich nach über 15 Jahren rückfällig werden?!) Anschließend zweite Runde, wobei ich die Nummer 3 überspringen kann (s.o.).
Dann der nächste Satz Patienten. Also weiter. Jeden Morgen 4 x 5 Patienten, jeden Nachmittag ebenfalls 4 Runden, also Tag für Tag 40 Patienten. Laut QS-Statistik haben wir Psychotherapeuten in Schleswig-Holstein den Durchlauf verfünffachen, die durchschnittliche Behandlungsdauer auf ein Drittel bis ein Viertel reduzieren können, und dies bei einem verbesserten Therapie-Erfolg von - gemessen an der Anzahl von Wiederbehandlungen - über 80%! Das heißt, dass im Anschluss an eine Psychotherapie weniger als 20% eine erneute Behandlung in Anspruch nehmen!
Der dritte Grund, weshalb wir Psychotherapeuten weniger belastet und deshalb effektiver geworden sind, liegt - in engem Zusammenhang mit der erwähnten funktionellen Wende - im sog. "metaphysischen Schnitt" - auch von den Somatikern übernommen. An die Stelle der Begegungsspekulanten traten in den Literaturverzeichnissen die Namen von Pragmatikern, Neo-Positivisten und Sprachanalytikern, u.a. leComte, die Mitglieder der "Wiener Schule", Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Alle metaphysischen Themen wurden als spekulativ oder esoterisch aus den Psychotherapien verbannt. Zunächst gab es einige Missstimmung, wurden doch nach und nach alle Antragsberichte abgelehnt, in denen von existenziellen Ängsten oder Trauer, von Sinnfragen oder Begegnungsfähigkeit die Rede war.
Es ist nun gut zwei Jahre her, dass dieser Bannspruch von der KBV offiziell verhängt wurde, und ich muss trotz anfänglicher Empörung eingestehen, dass es mir seitdem besser geht: keine eigenen Erschütterungen mehr infolge von Gesprächen über Themen, die auch mich betreffen und beunruhigen; keine erschöpfenden Kontakte von Mensch zu Mensch, womit den Patienten ja doch nur etwas vorgespielt wurde. Seien wir doch ehrlich: Haben Sie jemals nach noch so ergreifenden Abschiedsszenen auch nur andeutungsweise so etwas wie ein Verlangen verspürt, den Patienten wiederzusehen??
Nein, es ist schon gut so, wie es ist!
Und nur manchmal träume ich noch, dass mir ein Klient dankbar um den Hals fällt.
Und wache schweißgebadet auf.
Dipl.-Psych. Dr. phil. Michael Mehrgardt, Lübeck