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Prävention

Weltgesundheitsbericht 2001

22. Februar 2007
 

Pressemitteilungen des WHO-Europabüros vom 4. Oktober 2001

Durch psychische Störungen bewirktes Leid
und Sterben verhindern - Europäische Perspektiven
im Weltgesundheitsbericht 2001

"Wenn das Wissen über die wirksamen und die nicht funktionierenden Methoden der Verhütung und Behandlung von psychischen Störungen in der Praxis Anwendung findet, kann man die Lebensqualität und die Lebensdauer von Millionen von Menschen in der gesamten Europäischen Region der WHO verbessern", so Dr. Marc Danzon, der WHO-Regionaldirektor für Europa, als heute in Kopenhagen der Weltgesundheitsbericht 2001. Psychische Gesundheit: neues Verständnis, neue Hoffnung vorgelegt wurde. "Jeder vierte Europäer wird irgendwann in seinem Leben einmal von psychischen Störungen betroffen sein. Das Ausmaß der durch diese Störungen verursachten Belastung wird weitgehend übersehen, und nur zu oft ist man sich nicht im Klaren darüber, dass es moderne Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Der Bericht untersucht die wissenschaftlich erhärteten neuen Erkenntnisse und bietet sie den Ländern in einfacher und direkter Form an. Er zeigt wirkungsvolle, oftmals hier in Europa entwickelte, biologische, psychologische und soziale Interventionsmöglichkeiten auf, die sich auch im Rahmen der vorhandenen begrenzten Ressourcen sinnvoll ausnutzen lassen."

Psychische Störungen zählen in Europa und in anderen Teilen der Welt zu den führenden Ursachen von Krankheit und Behinderung. In der Europäischen Region der WHO leiden beispielsweise jedes Jahr schätzungsweise 33,4 Millionen Menschen an einer schweren Depression (das sind 58 von 1000 Erwachsenen). Weltweit sind depressive Störungen die vierthäufigste Ursache von Krankheit und Behinderung. Im Jahr 2020 werden sie wohl leider den zweiten Platz einnehmen.

Die Selbstmordraten schwanken in Europa zwischen 11 und 36 pro 100.000 Einwohnern, wobei die höchsten Ziffern in Europa auch weltweit die höchsten Raten sind.

Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60% der unter Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder genesen.

Studien aus den nordischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20-30%, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und zu behandeln.

Im Bericht wird jedoch angeführt, dass Umfang und Wirksamkeit der Reaktion auf psychische Gesundheitsprobleme in keinem Vergleich zu der Belastung stehen, die dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft insgesamt durch diese gesundheitlichen Probleme entsteht. Viele europäische Länder geben weniger als 3% ihres Gesundheitsbudgets für die psychische Gesundheitsversorgung aus, obwohl die Konsequenzen der psychischen Gesundheitsprobleme leicht ein Drittel bis die Hälfte aller Ausgaben für die Gesundheitsversorgung ausmachen können. Hinzu kommt, dass die Belastung auch noch ungleich verteilt ist. Die Armen laufen häufig ein höheres Risiko, an psychischen Störungen zu erkranken, und sie haben weniger Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten.

Der Bericht deutet darauf hin, dass Maßnahmen im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung, die das Resultat einer systematischen und umfassenden Politik sind, gesundheitlichen Nutzen bringen. Aus einem Anhang geht jedoch hervor, dass ein Drittel der Länder in der Europäischen Region der WHO in diesem Bereich noch immer keine ausdrückliche Politik verfolgt.

Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird empfohlen, die Entwicklung von Programmen und Diensten sowie die Menschenrechte betreffende Fragen in einen gesetzlichen Rahmen zu stellen. Trotz beachtlicher Fortschritte in der einschlägigen Gesetzgebung gibt es in 10% der Länder der Europäischen WHO-Region noch immer keine entsprechenden Gesetze, in weiteren 25% der Länder sind diese Gesetze veraltet.

Der Bericht befasst sich auch mit den Vorteilen der gemeindenahen Betreuung und Pflege. Mehrere europäische Länder haben sich führend um die Verlagerung der psychischen Gesundheitsversorgung vom Krankenhaus auf eine wirksame gemeindenahe Betreuung bemüht. In 13 Ländern hat man jedoch noch keinerlei Schritte in diese Richtung unternommen und sich auch nicht dazu bereit erklärt. In einigen osteuropäischen Ländern werden über 50% der Patienten in großen psychiatrischen Krankenhäusern, die mehr als tausend Menschen aufnehmen können, behandelt. Die Krankenhausbehandlung bewirkt jedoch einen Verlust an Sozialkompetenz, beinhaltet umfassende Restriktionen, führt zu Verstößen gegen die Menschenrechte und zu Abhängigkeit. Zugleich verschlechtern sich damit die Aussichten auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung in die Gemeinschaft.

Im Weltgesundheitsbericht 2001 werden die Vorteile einer im häuslichen Umfeld geleisteten Betreuung dargelegt. Empfohlen wird, eine ganze Palette von Diensten zweckmäßig zu nutzen. Doch die Länder werden auch zur Vorsicht gemahnt. Sie müssen sich genau überlegen, wie und in welchem Tempo sie sich von der stationären auf die gemeindenahe Versorgung umstellen wollen. Warnend wird auf die Fehlschläge verwiesen, die durch die Abkehr von der stationären psychiatrischen Versorgung bewirkt wurden, weil man versäumt hatte, für andere Betreuungsmöglichkeiten in der Gemeinde zu sorgen. Dadurch hat man ein neues Problem geschaffen, nämlich den psychisch kranken Obdachlosen.

In dem Bericht wird erörtert, was dafür spricht, die psychische Gesundheit in die Primärversorgung einzubeziehen. Aus Studien weiß man, dass bis zu 30% der Patienten aufgrund von psychischen Gesundheitsproblemen zu ihrem Hausarzt gehen. Dennoch haben zwölf Länder der Region diese Dienste nicht integriert, sondern lassen die Psychiatrie und die Primärversorgung parallel laufen. In jedem fünften Land der Region ist kein freier Zugang zu mindestens drei der unentbehrlichen psychoaktiven Arzneimitteln vorgesehen. Der Weltgesundheitsbericht 2001 tritt überzeugend dafür ein, dass Verbraucher und Familien in die Planung und Erbringung von Diensten im Rahmen der psychischen Gesundheitsversorgung einbezogen werden. Das immer wieder auftauchende Wort Partnerschaft suggeriert ein symmetrisches Bündnis, das das System demokratisiert. Ein partnerschaftliches Zusammengehen von Verbrauchern, Familien und Gemeinschaften entwickelt sich inzwischen in den meisten Ländern der Europäischen Region, in einigen spielen Verbraucherorganisationen in dieser Hinsicht allerdings nur eine geringe oder gar keine Rolle.

,,Jedes Land kann zweifellos etwas tun, um die psychische Gesundheit seiner Bevölkerung zu verbessern", erklärt Dr. Danzon. "Im Laufe des Jahres haben wir erlebt, dass in den meisten europäischen Mitgliedstaaten der WHO in noch nie da gewesener Weise gehandelt wurde. Jetzt brauchen wir den Mut und das Engagement zum Durchhalten."

Die WHO plant, den Weltgesundheitsbericht 2001 ‚Psychische Gesundheit: neues Verständnis, neue Hoffnung' im Oktober und November 2001 in den Ländern vorzulegen.

Der Weltgesundheitsbericht 2001
Psychische Gesundheit: neues Verständnis - neue Hoffnung
Implikationen für Europa: vier Fragen - vier Antworten

Frage 1: Was ist neu im Weltgesundheitsbericht 2001?

Frage 2: Wie relevant ist der Weltgesundheitsbericht 2001 für die Europäische Region?

Frage 3: Wie groß ist die volkswirtschaftliche Belastung in Europa durch psychische Gesundheitsstörungen?

Frage 4: Gibt es Lösungen?

Frage 1: Was ist neu im Weltgesundheitsbericht 2001?

Der Weltgesundheitsbericht 2001 bietet umfassende Antworten auf Probleme, die seit langem die psychiatrische Versorgung in der Welt betreffen. Nachstehend wird sowohl auf die Probleme als auch auf Lösungsvorschläge eingegangen.

Ideologie oder Wissenschaft

In vielen Ländern stützt sich die psychiatrische Versorgung noch immer auf ideologische Ansätze oder basiert auf unkritisch übernommenen Erfahrungen oder nicht mit Fakten unterlegten Vorstellungen. Jegliche Art der Pflege, die human ist oder die Würde eines Menschen respektiert, ist zu begrüßen - allerdings genügt das noch nicht.

Der Weltgesundheitsbericht 2001 untersucht die durch Forschung erhärteten neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und bietet diese den Ländern einfach und direkt an. Er zeigt wirkungsvolle - vielfach hier in Europa entstandene - biologische, psychologische und soziale Interventionen auf, die auf einer soliden Forschungsgrundlage beruhen.

Ablehnung kontra Anerkennung

Die Länder haben lange das Ausmaß von psychischen Gesundheitsproblemen negiert. Gesundheitsminister aus ganz Europa wie auch aus anderen Teilen der Welt haben dieses Problem während der Weltgesundheitsversammlung 2001 herausgestellt. Das Ausmaß der volkswirtschaftlichen Belastung durch psychische Störungen wird weitgehend ignoriert und meist ist man sich nicht bewusst, dass es moderne Interventionsmöglichkeiten gibt.

Die Daten des Weltgesundheitsberichts 2001 belegen, dass 20-25% aller Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens an einer psychischen Störung leiden. Auch die Jugend ist nicht immun dagegen: über 10% aller Kinder leiden bereits an mindestens einer psychischen Störung oder Verhaltensstörung und bis zu 25% haben psychische Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten ohne Krankheitsanzeichen.

Institutionelle Pflege kontra gemeindenahe Versorgung

In vielen Ländern gilt nach wie vor die Praxis, Menschen mit sehr schweren psychischen Störungen in großen psychiatrischen Anstalten unterzubringen. Diese Art der Pflege kann sich negativ auswirken, und die Bedürfnisse vieler Kranker außerhalb der Institutionen bleiben unerfüllt.

Der Weltgesundheitsbericht 2001 setzt sich nachdrücklich für eine gemeindenahe Versorgung ein. Er beschreibt den Nutzen einer im häuslichen Umfeld erbrachten Pflege und empfiehlt die bedarfgerechte Nutzung einer Reihe von Diensten. Unter Hinweis auf den Prozess und das Tempo von Reformen zur Verlagerung der Dienste vom psychiatrischen Krankenhaus in die Gemeinde weist der Weltgesundheitsbericht 2001 auch warnend darauf hin, dass es Probleme bei der Abkehr von der stationären Pflege gegeben hat, wenn nicht gleichzeitig alternative Versorgungsmöglichkeiten in der Gemeinde geschaffen wurden (z. B. psychisch kranke Obdachlose).

Verschiedene europäische Länder sind Vorreiter in der Umorientierung zur effizienten gemeindenahen Versorgung.

Frage 2: Wie relevant ist der Weltgesundheitsbericht 2001 für die
Europäische Region?

Grundlagen: Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird darauf hingewiesen, dass ein gesundheitlicher Nutzen zu verzeichnen ist, wenn man über systematische und umfassende Orientierungshilfen für Maßnahmen betreffend die psychische Gesundheit verfügt. Neue WHO-Daten belegen, dass ein Drittel der Länder der Europäischen Region der WHO noch immer keine spezifischen Konzepte solcher Art haben.

Gesetzgebung: Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird empfohlen, dass die Entwicklung von Programmen und Diensten, sowie Fragen, die die Menschenrechte berühren, in einen gesetzlichen Rahmen gestellt werden. Trotz beachtlicher Fortschritte der Gesetzgebung betreffend psychische Gesundheit gibt es in 10% der Länder der Europäischen Region der WHO noch immer keinen gesetzlichen Rahmen und in weiteren 25% der Länder sind die diesbezüglichen Gesetze veraltet.

Gemeindenahe Versorgung: Im Weltgesundheitsbericht 2001 werden die Vorteile der gemeindenahen Pflege und die Verfügbarkeit von Psychiatriebetten in Allgemeinkrankenhäusern untersucht.

Auf die Länder der Europäischen Region der WHO bezogen gelangte man zu folgenden Erkenntnissen: 13 Länder hatten noch keinen Übergang zur gemeindenahen Pflege eingeleitet oder einen solchen Schritt überhaupt vorgesehen. Von den übrigen Ländern hatten 25 Länder die Reform eingeleitet oder in einigen Orten mit dem Aufbau von gemeindenahen Diensten begonnen, 13 Länder hatten solche Dienste bereits geschaffen. Allerdings gibt es in Europa einen niedrigeren Anteil von Psychiatriebetten in den Allgemeinkrankenhäusern (10%) als im Weltdurchschnitt (16%).

Einbeziehung der Verbraucher: Der Weltgesundheitsbericht 2001 befürwortet nachhaltig die Einbeziehung von Leistungsempfängern und Familien in die Planung und Erbringung der Pflege. Hier wird das Wort Partnerschaft gebraucht, und zwar im Sinne einer symmetrischen Allianz, die einen demokratischen Ansatz in das System bringt.

Zwar gibt es in den meisten europäischen Ländern "Partnerschaften zwischen Verbrauchern und der Gemeindeebene", doch werden hier erst in wenigen Fällen Familien, Bürger oder Verbraucherorganisationen in die Planung oder Erbringung der Pflege einbezogen. Europäische Verbraucherorganisationen waren die Hauptakteure bei zahlreichen Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem diesjährigen Weltgesundheitstag, der dem Thema "Psychische Gesundheit" gewidmet war.

Einbeziehung der psychischen Gesundheit in die primäre Gesundheitsversorgung: Im Weltgesundheitsbericht 2001 werden Argumente zugunsten der Einbeziehung der psychischen Gesundheit in die Primärversorgung erörtert.

In Europa - wie auch in den übrigen Teilen der Welt - nehmen viele Menschen mit psychischen Störungen Kontakt zu den Diensten der primären Versorgungsebene auf, um zu einem Spezialisten überwiesen zu werden, bzw. wenn die Störung erkannt wird, erhalten sie eine Behandlung auf der primären Ebene. In einigen europäischen Ländern ist das Primärversorgungssystem tatsächlich für Fragen der psychischen Gesundheit zuständig, weil es zu wenig Psychiatrie-Fachkräfte gibt, um den Erfordernissen der Bevölkerung entsprechen zu können. Untersuchungen haben gezeigt, dass bis zu 30% der Konsultationen von Allgemeinmedizinern psychische Gesundheitsprobleme betreffen.

Dennoch haben 12 Länder der Europäischen Region der WHO die Dienste nicht integriert, so dass die Bereiche psychische Gesundheit und die Primärversorgung parallel laufen. Demgegenüber haben 22 Länder eine partielle Integration der Systeme verwirklicht, 16 Länder sogar eine weitgehende Integration.

In jedem fünften europäischen Land ist im Rahmen der Primärversorgung kein freier Zugang zu mindestens drei der unentbehrlichen psychoaktiven Arzneimittel vorgesehen.

Humanressourcen: Der Weltgesundheitsbericht 2001 weist darauf hin, dass spezialisiertes Psychiatrie-Personal nicht die einzige Ressource für ein gutes System zur Versorgung der psychischen Gesundheit darstellt, doch ist es in dem Netzwerk der Dienste von wesentlicher Bedeutung, dass solche Fachkräfte in angemessener Zahl vorhanden sind.

Im Schnitt ist die Situation in der Europäischen Region der WHO viel besser als in anderen Regionen der Welt. In Europa gibt es 9,0 Psychiater, 27,5 psychiatrische Pflegekräfte, 3,0 Psychologen und 2,4 Sozialarbeiter für jeweils 100.000 Einwohner. Dennoch ist die Zahl der psychiatrischen Fachkräfte in einigen europäischen Ländern noch äußerst begrenzt.

Frage 3: Wie groß ist die volkswirtschaftliche Belastung in Europa durch psychische Gesundheitsstörungen?

Psychische Störungen sind in ganz Europa eine große Bürde für die Betroffenen, deren Familie und die Bevölkerung insgesamt. Kein Land ist davon verschont, wenn auch einige psychische Störungen unterschiedlich häufig vorkommen. Obwohl viele Menschen an ganz vielfältigen Störungen leiden, können nicht alle bedarfsgerecht versorgt werden.

Depression: In der Europäischen Region der WHO leiden schätzungsweise jedes Jahr 33,4 Millionen Menschen an schweren Depressionen (58 von jeweils 1000 Erwachsenen). Der größte Teil der DALYs (d. h. der durch Behinderungen verlorenen Jahre in Gesundheit) geht auf das Konto von depressiven Störungen.

Bei weniger als 50% aller depressiven Patienten, die medizinische Hilfe suchen, wird das Problem erkannt. Nur etwa 18% dieser Patienten erhalten die richtige spezialisierte Behandlung.

Depression tritt auch in zunehmendem Maß bei Jugendlichen auf. In einer kürzlich durchgeführten europäischen Untersuchung zeigte es sich, dass in dem untersuchten Land 5% aller Mädchen und etwa 1,3% aller Jungen der Altersgruppe 16 Jahre die Kriterien für eine schwere Depression erfüllten. 14% der Mädchen und etwa 5% der Jungen litten an einer mittelschweren Depression.

Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit: Schätzungsweise 41 Millionen Erwachsene trinken zu viel oder sind alkoholabhängig, wobei der Anteil der betroffenen Männer wesentlich höher ist als der der Frauen. 66% dieser Menschen erhalten keine Therapie. Etwa ein bis zwei Drittel der alkoholabhängigen Männer sind wegen nicht erkannter oder nicht behandelter depressiver Störungen Trinker. Die volkswirtschaftlichen Kosten des übermäßigen Alkoholkonsums und Alkoholismus sind in einigen europäischen Gesellschaften mit etwa 3% des Bruttosozialprodukts (BSP) veranschlagt worden.

Schizophrenie: Schizophrenie betrifft 6,6 Millionen Menschen in der Europäischen Region der WHO (7 von 1.000 Einwohnern). Schätzungsweise 36%-45% dieser Menschen werden nicht behandelt.

Epilepsie: 1998 wurde die Zahl der Epileptiker in Europa auf sechs Millionen Menschen geschätzt, doch leiden 15 Millionen Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens an Epilepsie. In einigen europäischen Ländern beziffert sich der Anteil der nicht behandelten Epileptiker auf bis zu 56%.

Probleme bei Kindern und Jugendlichen: Eine europäische Studie hat gezeigt, dass 57% der jungen Menschen, die an einer psychischen Störung leiden, nicht behandelt wurden.

Demenz: In gegenwärtigen Schätzungen wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl der Alzheimerkranken in den europäischen Mitgliedstaaten auf 1,4 Millionen beziffert. Es wird damit gerechnet, dass sich diese Zahl in den meisten europäischen Ländern bis zum Jahr 2025 verdoppelt.

Eine jüngere europäische Studie kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2050 ein dementer Patient auf 17 erwerbsfähige Personen kommt, gegenüber 120 im Jahr 1950.

Suizid: In Europa reichen die Suizidraten von 11-36 je 100 000 Einwohner (die höchsten Raten in der Europäischen Region sind auch die weltweit höchsten Raten).

Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind besonders gefährdet, beispielsweise Männer in Osteuropa. In Westeuropa nimmt die Suizidgefährdung demgegenüber bei Jugendlichen und bei Frauen zu. Höhere Suizidraten gehen einher mit höheren Raten von Totschlag und vorsätzlichen Verletzungen (16,6 je 100.000 Einwohner in den NUS und 7,2 je 100.000 in der Europäischen Region insgesamt) und Straßenverkehrsunfällen (15,6 je 100.000 Einwohner in den NUS und 12,7 je 100.000 Einwohner in der Europäischen Region insgesamt).

In einem nordeuropäischen Land wurden die volkswirtschaftlichen Kosten von Selbstmord mit ungefähr 2,5 Millionen US-Dollar veranschlagt und die Kosten eines Suizidversuchs mit 7100 US-Dollar pro Fall. In einem Land wie Schweden, wo die Zahl der Suizide eher durchschnittlich hoch ist, würden sich diese Kosten pro Jahr auf 1,5% des BSP belaufen.

Frage 4: Gibt es Lösungen?

Glücklicherweise gibt es Lösungen. Die Arbeit zur besseren Erkennung und Verlaufsbeobachtung von depressiven Störungen hat sich in einigen Mitgliedstaaten auch positiv ausgewirkt, u. a. auf die Suizidraten. Umfassende Therapieprogramme, die auf die zu Sucht und Depression führenden Erscheinungen des Alkoholkonsums ausgerichtet sind, haben sich als effizient erwiesen. Der Weltgesundheitsbericht 2001 empfiehlt 10 Kategorien von Maßnahmen. Das gilt für Europa ebenso wie für andere WHO-Regionen:

1. Therapieangebote in der Primärversorgung,

2. Verfügbarkeit von psychoaktiven Arzneimitteln,

3. gemeindenahe Pflege,

4. Aufklärung der Öffentlichkeit,

5. Einbeziehung des Gemeinwesens, der Familie und Leistungsempfänger in die Versorgung,

6. Erarbeitung von Konzepten, Programmen und gesetzgeberischen Maßnahmen, auf nationaler Ebene,

7. Entwicklung der Humanressourcen zur Förderung der psychischen Gesundheit und zur Verhütung und Behandlung von Problemen,

8. Einbindung aller Sektoren der Gesellschaft in Maßnahmen, die die psychische Gesundheit betreffen,

9. Monitoring der gemeindenahen psychiatrischen Dienste,

10. mehr Forschung.

Der Weltgesundheitsbericht 2001 schlägt Maßnahmen vor, die der Realität der verfügbaren Ressourcen entsprechen. Mit anderen Worten: Maßnahmen für die psychische Gesundheit können in allen Ländern getroffen werden. Natürlich werden die Strategien und Programme unterschiedlich sein, doch die Länder können den Bedürfnissen ihrer Bevölkerung entsprechen.

Weitere Auskunft erteilt: Dr. Wolfgang Rutz, Anschrift siehe unten.

Das Programm Psychische Gesundheit
des WHO-Regionalbüros für Europa

Im Rahmen des aktiven Programms Psychische Gesundheit am WHO-Regionalbüro für Europa werden Analysen gesammelt, Informationen über den psychischen Gesundheitszustand der Bevölkerung, über Trends, Behandlungsmöglichkeiten und -resultate weitergegeben. Auf Anfrage leistet das Programm auch fachliche Unterstützung.

Das Programm arbeitet in erster Linie durch einen Verbund nationaler Ansprechpartner, der von über 30 WHO-Kooperationszentren unterstützt wird. Bisher haben 46 Länder offizielle Ansprechpartner benannt. Ihre Aufgabe ist es, durch die Erschließung von professionellen und anderen Ressourcen in ihrem Land Konzepte, Programme und Dienste im Bereich psychische Gesundheit zu fördern. Im letzten Jahr wurde, was Überzeugungsarbeit, Aufklärung der Bevölkerung, psychosoziale Rehabilitation und gemeindenahe Versorgung betrifft, viel erreicht.

Großartig veranschaulichen lässt sich die erfolgreiche psychosoziale Rehabilitation anhand der sozialen Betriebe oder Genossenschaften, die es Menschen, welche die Dienste der psychischen Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen mussten, ermöglichen, aktiv und nutzbringend am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Mehrere Länder in der Europäischen Region der WHO bauen die stationäre Versorgung von psychisch Kranken ab oder schließen ihre psychiatrischen Krankenhäuser ganz und gar, um statt dessen andere Versorgungsmöglichkeiten im Rahmen der Gemeinde zu schaffen.

Die Ansprechpartner des Programms arbeiten mit den Programmmitarbeitern im Regionalbüro gemeinsam an der Planung und Umsetzung von Maßnahmen für die Europäische Region insgesamt. Im vergangenen Jahr haben sie sich darum bemüht, im Rahmen des Weltgesundheitstags und durch davon ausgehende Aktivitäten der psychischen Gesundheit in der Gesundheits- und Sozialpolitik der Mitgliedstaaten einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Mehrere Expertenausschüsse, in denen auch Verbraucher sitzen, unterstützen die Bemühungen des Regionalbüros im Bereich der psychischen Gesundheit.

  • Die WHO-Task Force Depression und stressbedingte Morbidität sammelt Informationen, um die Forschung zu fördern und Leitlinien für Maßnahmen aufstellen zu können, die sich gegen die durch bestimmte Leiden verursachte Frühsterblichkeit richten, die in einigen Ländern im Osten der Region ein schwerwiegendes Problem darstellt.
  • Die WHO-Task Force für psychische Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen wurde gebildet, um die psychischen Gesundheitsprogramme in den Mitgliedsländern, deren Umsetzung und Follow-up verfolgen zu können.
  • Die WHO-Task Force Entstigmatisierung analysiert die in ganz Europa zu findenden Probleme von Stigmatisierung und Ausgrenzung und die damit verbundenen Probleme. Sie bewertet Interventionsmodelle, verweist auf vorbildliche Praxismodelle und unterstützt diese. Außerdem erarbeitet sie wissenschaftlich abgestützte Strategien, die sie an die Mitgliedstaaten weitervermittelt.
  • Der Europäische WHO-Verbund für Selbstmordprävention, der Zentren in den Mitgliedsländern und Kontaktstellen in 27 Ländern umfasst, sammelt Daten, tauscht Erfahrungen aus und entwickelt umfassende Strategien für die Selbstmordprävention.

Die Zusammenarbeit zwischen der WHO und der Europäischen Union (EU) konzentrierte sich schwerpunktmäßig auf die Entwicklung von Strategien für die Verhütung von psychischen Krankheiten und die Förderung der psychischen Gesundheit, vor allem in den Ländern, die sich um den Beitritt zur EU bewerben. Diese Zusammenarbeit wird auf einer vom 25.-27. Oktober 2001 in Brüssel stattfindenden europäischen Tagung zum Thema psychische Gesundheit noch ausgebaut.

Im Juni 2001 verabschiedeten 16 europäische Länder die Athener Erklärung über Psychische Gesundheit und durch menschliche Einwirkung verursachte Katastrophen, Stigmatisierung und gemeindenahe Versorgung, in der es um das Problem der mit Stigmatisierung verbundenen psychischen Gesundheitsprobleme, um gemeindenahe Dienste, Konflikt und Wiedereingliederung geht. In der Erklärung werden Handlungsgrundsätze und umfassende Leitlinien aufgestellt (Exemplare sind über die unten angeführten Adressen erhältlich).
Weitere Auskunft erteilt: Dr. Wolfgang Rutz,

Referat Psychische Gesundheit, WHO-Regionalbüro für Europa,
Scherfigsvej 8, DK-2100 Kopenhagen Ø, Dänemark,
Tel.: +45 39 17 15 72, Fax: +45 39 17 18 65, E-Mail:wru@who.dk