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Psychiatrie

Wo bleiben die Leistungen der Soziotherapie?

12. Februar 2007

Obwohl Soziotherapie seit dem 1.1.01 gesetzlich geregelt ist und die Richtlinien zur Umsetzung seit dem 1.1.02 in Kraft getreten sind, kommt die Soziotherapie bei den Menschen, die sie brauchen, nicht an. Verschiedene berufsständische Interessen blockieren sich gegenseitig.

 

Eine ungeduldige Polemik in sechs Punkten von Lisa Schulze Steinmann.

  1. Diejenigen, die es betrifft, sind gar nicht einbezogen worden. Im Gegenteil: Die Gruppe der psychisch erkrankten Menschen, die von Soziotherapie profitieren könnten, ist durch die Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen über die Durchführung der Soziotherapie immer stärker eingegrenzt worden. Neben der Diagnose aus dem ICD-10 wird eine Einschätzung auf der GAF-Skala verlangt, die das soziale und berufliche Funktionsniveau beschreiben soll. Die GAF-Skala soll der Therapieplanung, der Messung ihrer Wirksamkeit und der Prognosestellung dienen. Offenbar reicht es nicht, nur eine schwere psychische Erkrankung vorweisen zu können, um in den Genuss von Soziotherapie zu kommen. Damit trägt der Einsatz der GAF-Skala zu einer weiteren Auslese der ohnehin sehr beschränkten Gruppe von Menschen, die Anspruch auf Soziotherapie haben, bei. Die Eingrenzung ist ohne Zweifel gewollt. Darf man da wenigstens fragen, woher Psychiater die Kompetenz nehmen, das soziale und berufliche Funktionsniveau eines Menschen einzuschätzen?
  2. Die Gesetzlichen Krankenkassen lassen sich Zeit, sie brauchen die Soziotherapie als neue Ausgabeposition in ihrer Angebotspalette nicht wirklich. Die Verhandlungen über die Durchführung in den einzelnen Regionen ziehen sich "kaugummiartig" hin. Die Patienten, für die Soziotherapie interessant sein könnte, haben keine parteiliche Lobby, die die Krankenkassen unter Druck setzen könnte. Diese halten die Klientel klein und erhöhen die Auflagen an die Erbringer von Soziotherapie. Sie wollen niedrige Stundensätze für eine Fachleistungsstunde, möglichst unter 40 € pro Stunde. Wobei noch zu klären ist, ob die Abrechnungsstunde 45 oder 60 Minuten dauert.
    Die Krankenkasse wollen mit einer solch geringen Verpreisung auch die Zahl der privaten Anbieter von Soziotherapie möglichst klein halten. Das Debakel mit den ambulanten Pflegediensten Anfang der 90er Jahre, die explosionsartig aus dem Boden schossen und Unübersichtlichkeit und Kosten im Gesundheitsbereich erzeugten, ist ihnen noch in sehr schlechter Erinnerung. Also, möglichst keine privaten Anbieter! Dabei ist das in anderen Bereichen selbstverständlich: Rechtsanwälte, Landwirte, Ergotherapeuten, Ärzte oder Masseure arbeiten auch freiberuflich. Aber wer sollte auch freiberufliche Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen kontrollieren, die dann vernetzt im Gemeindepsychiatrischen Verbund arbeiten? Für sie gelten ja dann die gleichen Rahmenbedingungen wie für die niedergelassenen und Soziotherapie verordnenden Psychiater!
  3. Da sind die Spitzenverbände der Wohlfahrtsverbände schon verlässlichere Partner für die Gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen. Sie können durch ihre übliche soziale Gemischtwarenpalette eine Mischkalkulation aufstellen, die die Verpreisung einer Fachleistungsstunde mit einer »3« vor dem Komma gerade noch ermöglicht.
    Die Wohlfahrtsverbände nutzen die Gunst der Stunde, schlagen die Konkurrenz der privaten Anbieter schon während der Verhandlungen durch eine niedrige Dotierung der Fachleistungsstunden aus dem Feld und kommen damit endlich in den von den gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen finanzierten Gesundheitsbereich, endlich weg vom steuerfinanzierten Sozialhilfebereich! Endlich dürfen sie Verhandlungs- und Finanzpartner der Gesetzlichen Krankenkassen und Ersatzkassen sein.
    Die Inhalte der Soziotherapie bleiben dabei auf der Strecke. Sparmodelle zur Umsetzung werden ausgedacht, in denen Vorgaben der Richtlinien und Empfehlungen zur Erbringung von Soziotherapie unterlaufen werden, z. B. Leitung und Supervision der Soziotherapie durch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Ausführung der Soziotherapie durch andere, billigere Berufsgruppen, schließlich wird ja in multiprofessionellen Teams gearbeitet. Originell ist auch der Vorschlag, die nach den Richtlinien geforderte einjährige klinische Erfahrung durch eine sechswöchige Hospitationszeit zu ersetzen. Auch so lässt sich Kompetenz erwerben!
  4.  Die Inhalte der Soziotherapie sind bisher nicht ausdifferenziert. Weder über die Vernetzung der medizinisch verordneten Leistungen, also Netzwerkarbeit im Einzelfall und auf Systemebene, noch über die Gruppenarbeit zur Motivation und Willensbildung gibt es bisher fundiertes Material. Die Inhalte fehlen. Das verwundert nicht. An dem Gesetzentwurf und den Richtlinien haben keine Sozialarbeiter bzw. Sozialtherapeuten mitgewirkt, obwohl es längst Diplom-Sozialtherapeuten gibt.
    In den Verhandlungen mit Wohlfahrtsverbänden wurden von Krankenkassen die Rahmenvereinbarungen zur ambulanten somatischen Pflege herangezogen. Erst durch fehlerhafte Textfassungen, z. B. fälschliche Berufsbezeichnungen, wurde deutlich, woher die Vorlagen stammten. Auch das zeigt, dass inhaltliche Kompetenz bei der Gestaltung der soziotherapeutischen Leistungen nicht gefragt war.
  5. Fortbildungen zur Soziotherapie interessieren Profis, die im Auftrag ihres Trägers oder freiberuflich in eigener Praxis Soziotherapie anbieten möchten. Sie erwarten eigentlich Existenzgründungsseminare. Die Inhalte der Soziotherapie realisieren sie ja längst in ihrer bisherigen beruflichen Praxis, im Betreuten Wohnen, in der Tagesklinik - nur unbezahlt! Nun sollen also Leistungen, die dann Soziotherapeutische Leistungen heißen, von den Gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden. Das wäre nur recht, aber eben nicht billig.
  6. Und die Hochschulen für Sozialarbeit, die Fach- und Berufsverbände - was wollen die mit Soziotherapie? Sie beanspruchen Definitionsmacht und Ausbildungshoheit. An Hochschulen und auch in Fachgesellschaften wird über die Einführung eines Studiums »Klinische Sozialarbeit« diskutiert. Soziotherapie könnte dann ein Lehrgebiet sein. Es geht um ein Stück vom großen Gesundheitskuchen. Bisher fielen da nur Krümel für die Sozialarbeit ab.
    Aber hat das alles mit den Inhalten der Soziotherapie zu tun? Oder mit den chronisch kranken Menschen, die auf Soziotherapie angewiesen sind und hoffen? Nein, eigentlich nicht.
    Lisa Schulze Steinmann, Bremen, Diplom-Sozialarbeiterin, Diplom Soziale Therapie, Diplom Coaching, unterrichtet SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen und bietet Coaching, Fort- und Weiterbildungen im Bereich Sozialarbeit und Sozialpsychiatrie an.

[1] Erstabdruck in Psychosoziale Umschau Nr. 4/02 vom 14.10.2002. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift.